Was machen wir heute? : Die Bären loslassen

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Der Berliner Bär sollte seine Cousins in Kanada besuchen. Da käme er mal raus aus dem Trubel und könnte einen Gang runterschalten. Wir kommen gerade von dort und müssen uns erst wieder ans Berliner Tempo gewöhnen.

Früher war zwar nicht alles besser, aber in der geteilten Stadt ging es gemächlicher zu. Im Westen war man bequem gebettet auf Subventionen, und im Osten erledigten ja die Genossen die meiste Arbeit; allen anderen fehlten entweder die Produktionsmittel oder das nötige Klassenbewusstsein, um ihnen tagesfüllende Aufgaben anzuvertrauen. Inzwischen setzt der urbane Stress auch den Berliner Wappentieren zu. Für Maxi und Schnute im Zwinger am Köllnischen Park suchen Tierschützer schon ein ruhiges Plätzchen in der Provinz. Dabei könnten die Stadtbären im wilden Westen lernen, dass man in menschlicher Gesellschaft ganz entspannt leben kann. Am Blue River ließ uns ein Schwarzbär mit dem Boot ganz nah an sich herankommen. Er trottete am Ufer auf und ab und scherte sich nicht um uns. Auch sein Mitmensch bleibt gelassen, wenn ihm ein Bär auf den Pelz rückt. Dann klappert der Kanadier mit Kochtöpfen oder er geht auf die Pirsch – mit der Kamera. So lange man Abstand wahrt und keine Wurst in der Tasche trägt, sucht das Tier in der Regel das Weite. Überhaupt: diese Weite. Es ist Platz genug für Bär und Mensch – und trotzdem sind beide nie in Eile. Sogar Autofahrer und Fußgänger leben in friedlicher Koexistenz. Und diese Freundlichkeit! Kann ich Ihnen helfen? Wie schön, dass sie uns besuchen! Erstaunlich, wie höflich der Mensch ist, wenn er unter wilden Tieren lebt.

Vielleicht sollten auch wir unsere wilden Kreaturen freilassen, um etwas gelassener zu werden. Wenn Knut durch Eiskeller stromert, wirft vermutlich niemand mehr Grillabfälle in die Büsche. Sondern übt sich in höflicher Verbindlichkeit. Es könnte ja sein, dass man mal im Tiergarten auf einem Baum hockt und dringend Hilfe nötig hat. Stephan Wiehler

Flugverbindungen von Berlin nach Vancouver bieten unter anderem Air Berlin, Air Canada, British Airways oder Lufthansa an

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