Was machen wir heute? : Die Bayern feiern

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Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen führt mich zurück in die siebziger Jahre. Ich saß mit einem Freund im Olympiastadion, Bayern München war zu Gast, und wir versicherten uns alle paar Minuten, wie sehr wir Hertha BSC die Daumen drücken würden. Diesen gegenseitigen Selbstbetrug hielten wir so lange durch, bis die Bayern das Führungstor schossen. Beide sprangen wir spontan auf und jubelten, aber nur ganz kurz und ganz leise, denn in den siebziger Jahren war es keine besonders gute Idee, sich als Berliner zu den Bayern zu bekennen.

Diese Leidenschaft hat sich im Laufe der Jahre verflüchtigt, vielleicht habe ich sie auch nur weitergegeben an den mittleren meiner drei Jungs. Er war fünf, als ich zum ersten Mal mit ihm zum Fußball gegangen bin, Hertha spielte mal wieder gegen die Bayern. Die Mannschaften liefen auf den Platz, und das Kind krähte: „Hurra! Rot ist viel schöner als Blau!“ Seit diesem Schlüsselerlebnis ist er für die Berliner Sache verloren.

In den ersten Schuljahren ist der Mittlere selten ohne Olli-Kahn-Trikot aus dem Haus gegangen. Er hat so lange gequengelt, bis ich mit ihm ins neue Münchner Stadion gefahren bin und ein auch in dieser Höhe verdientes 1:0 gegen Hannover angeschaut habe. Als die Bayern einmal 0:5 gegen Bremen zurücklagen, hat der Mittlere wütend mit Kissen nach dem Fernseher geworfen und eine Verschwörungstheorie konstruiert, die ich in seinem Interesse lieber für mich behalte. Und dass seine Helden die Bundesligasaison heute mit einem Spiel im Olympiastadion beenden, hat er schon vor ein paar Wochen durchaus weitsichtig so kommentiert: „Wäre doch witzig, wenn Bayern in Berlin Meister wird und Hertha absteigt!“

Ein Stich ins Berliner Fußballherz, aber Rot ist nun mal schöner als Blau.

Sven Goldmann

Nirgendwo außerhalb Münchens gibt es so viele Bayern-Fans wie in Berlin. Heute gastiert Deutschlands beste Fußballmannschaft zum letzten Bundesligaspiel beim Absteiger Hertha, am nächsten Samstag kommen die Bayern zum Pokalfinale gegen Bremen nach Berlin.

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