Was machen wir heute? : Die Besinnung verlieren

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Hin und wieder bekomme ich in diesen Tagen E-Mails oder Grußkarten, in denen mir Menschen eine „besinnliche Adventszeit“ wünschen. Das finde ich reizend! Sofort entsteht vor meinem inneren Auge das romantische Bild, wie ich wochenlang vor dem Kamin sitze und mich, vertieft in den Anblick einer Kerze oder eines Tannenzweigs, so lange besinne, bis ich endlich rundum besonnen bin.

Aber nichts da. In Wahrheit ist der Advent die Zeit der totalen Zerstreuung, eine wüste Partytime. Hier eine Auswahl unserer Feierlichkeiten: der Schul-Winterbasar, die Weihnachtsfeier der Klasse 3b, die Feier des Clubs, wo die Jungs segeln lernen, die betriebliche Weihnachtsfeier, die Nachbars-Weihnachtsfeier, die Nikolausfeier bei Freunden sowie die Weihnachtsfeier des Fußballclubs in der schweißgeschwängerten Sporthalle. Alle Feste sind mit Arbeit verbunden: Mal sollen wir vorher backen, mal kochen und mal Liedtexte kopieren, da sich ja kein Mensch unter 70 auf die zweiten und dritten Strophen der Weihnachtslieder besinnen kann.

Kein Wunder, dass wir langsam die Besinnung verlieren. Jan Lucas etwa fallen laufend Zähne aus, denn die Neuen sitzen schon wie Haifischzähne in zweiter Reihe und schubsen die Alten raus. Kürzlich stand er vor mir, einen Zahn in der Hand, den er beim Kekse-Essen in seinem Mund gefunden hatte, und konnte partout keine Lücke finden. „Den kann mir doch keiner reingeworfen haben!“ Weiß man’s? Was kann nicht alles passieren, wenn man durch den Advent hetzt und dabei mal den Mund offen stehen lässt? So taumeln wir von Feier zu Feier und von Zahn zu Zahn.

Nicht, dass ich mich beklagen wollte. Eigentlich finde ich die vielen Feiern und netten Menschen und auch das lückenhafte Gebiss meines Sohns toll. Darum wünsche ich allen, die ich kenne: eine rauschende, eine wilde, eine besinnungslose Adventszeit! Dorothee Nolte

Heute ist Nikolaus, da sollten Familien es richtig krachen lassen. Zum Beispiel im International Club Berlin, Thüringer Allee 5-9, Westend: Um 17 Uhr stellt Comedian Thomas Nicolai seine Märchen-CDs vor.

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