Was machen wir heute? : Die Deutschen besuchen

Plümper

Der Künstlerfreund und der Rentner haben einen Film über Kriegskinder gesehen. Sie haben lange darüber gesprochen: über die Geräusche der Sirenen, über das Pfeifen der Bomben, über die Flakschüsse, das Kellerdunkel bei Luftangriffen. Jetzt erst ist ihnen aufgefallen, dass sie „Hitler und die Deutschen“ noch nicht gesehen haben. Ein Zufall? Verdrängung?

Voll ist es im Museum. Menschen jeden Alters und aus vielen Nationen. Die Ausstellung ist ein Labyrinth mit einer Fülle von Texttafeln, Bildern, Gegenständen. Karten mit Gebeten für Hitler, Briefe an den Führer zum Geburtstag; Uniformen; ein Wandbehang mit dem gestickten Vaterunser – sogar die ebenfalls darauf gestickte Kirche trägt ein Hakenkreuz und über ihr stehen die Formationen der SA. Schon 1933 gibt es Schilder mit NS-Parolen, im harten Emaille für die Ewigkeit geschaffen: „Juden sind in unserem Ort nicht erwünscht“.

Bei den Soldatenfiguren aus „Elastolin“ erinnert sich der Frreund, dass er mit ihnen gespielt hatte, der Rentner, dass ihm alles Kriegsspielzeug von seiner Mutter verboten wurde – ihr Mann war bei Stalingrad gefallen, ihre Eltern waren SPD-Mitglieder gewesen. Aber die Erzählung des Freundes ist nicht wehmütig-nostalgisch, sondern setzt dem Eindruck der totalen Überformung der deutschen Gesellschaft zur „Volksgemeinschaft“ nur noch ein i-Tüpfelchen auf. Die Schau zeigt auch die anderen Seiten des „völkischen“ Zusammenhalts: Ausgrenzung und Gewalt. Auf Bildschirmen laufen Filme von der Verfolgung und Ermordung der Juden. Texttafeln fassen die Gesichtspunkte der Untersuchungen zusammen. Die Summe dieser wichtigen und eindrücklichen Ausstellung: Die nationalsozialistische Herrschaft, der Krieg und eben auch die Verbrechen fanden die Loyalität und Unterstützung der allermeisten Deutschen, solange diese Herrschaft erfolgreich schien. Plümper

Hitler und die Deutschen, Deutsches Historisches Museum in Mitte, Unter den Linden 2, bis 27. Februar verlängert.

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