Was machen wir heute? : Die Dietrich neu erleben

Till Hein

Als die Tür aufging, stand Marlene Dietrich auf der Schwelle und bellte V. an. Dabei war es V.s Wohnung. Neben der Dietrich stand ein Mann in mittleren Jahren in der Tür, mit einem Bettlaken bekleidet. Er lallte: „Kannsdunichwiederzumseefahren?“

Es ist schön in der bayerischen Hauptstadt. Manche sagen: schön fad. Früher fuhr V. daher jedes Wochenende nach Berlin um die Nächte durchzufeiern. Auch unter der Woche lebt er meist draußen vor der Stadt, bei seiner Freundin am See. Manchmal lässt V., der ein gutes Herz hat, alte Kumpels in seiner Stadtwohnung hausen. An jenem Sonntag fand er ein Chaos vor. Leere Flaschen, überquellende Aschenbecher, ein Apfelkuchen lag matschig auf dem Fußboden. Auf der Couch im Wohnzimmer erblickte V. ein weibliches Wesen. Es schien ähnlich bedient zu sein, wie der Mann in der Bettlakentunika und der Kuchen. Nur Marlene Dietrich bellte hellwach vor sich hin. Der Chihuahua der Dame.

V. hat dann ein Taxi bestellt und alle rausgeworfen. Die Dame, V.s Bekannter hatte sie im Morgengrauen vor einer Kneipe kennengelernt, zog sich torkelnd ihr rosa Kleidchen an, die rosa Schühchen und den rosa Hut. Dann nahm sie Marlene Dietrich an die rosa Leine.

V.s Verhältnis zum Bettlakentunika-Mann hat sich etwas abgekühlt. Dennoch lässt V. weiterhin Kumpels in seiner Wohnung hausen. Sogar aus Berlin. Er hat eben ein gutes Herz. „Der Hund hieß tatsächlich Marlene Dietrich“, sagte V., nippte an seinem Mineralwasser und lächelte erschöpft. An den Namen der Dame in Rosa konnte er sich nicht mehr erinnern. Die Dietrich stellt bis heute alle in den Schatten.

Ich klopfte V. auf die Schulter und sagte, wenn er mal Abstand gewinnen wolle von München, dann könne er jeder Zeit zu mir nach Berlin auf Kur kommen. Vielleicht habe er ja Lust, die Marlene-Dietrich-Ausstellung zu besuchen? Till Hein

Schmankerl aus dem Nachlass der Dietrich: Filmmuseum Berlin, Potsdamer Straße 2, Di.–So. 10–18 Uhr; www.filmmuseum-berlin.de

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