Was machen wir heute? : Die Fahrt ins Glück

Lothar Heinke

Wir weisen Sie darauf hin, dass in diesem Raum Arbeiten mit explizit sexuellen Darstellungen gezeigt werden – so steht es an der Tür zum letzten Saal der Akademie der Künste, und in der Tat lassen die Zeichnungen zu den „Hurengesprächen“ nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Heinrich Zille zeigt alles. Wir sind ja aufgeklärte Menschen, vor 88 Jahren mögen die Blätter sensationeller erotischer Zündstoff gewesen sein, heute haben wir die Bild-Zeitung und Nachtprogramme im Fernsehen. Deshalb ist das nicht ganz jugendfreie Kabinett nicht von triefender Neugier überlaufen, nein, etwas anderes zieht die Besucher in Bann: ein Film. Zwei Stunden lang das pralle Leben mit Freud und Leid kleiner Leute, der großen und kleinen Kinder der Straße, der Proletarier in den Hinterhöfen und Mietskasernen dieser Stadt, ihre Sorgen, Kneipen und Kaschemmen.

Die Besucher sitzen reglos auf den Holzbänken, es ist still. Wir sind in einem Stummfilm, wir, von bunten Fernsehbildern vollgestopfte Konsumenten, denen alles vorgekaut und vorgegaukelt wird, staunen über die großen Gesichter, lesen Worte, die die Lippen formen, lassen unserer Fantasie freien Lauf. Kein Klavier begleitet die Geschichte von „Mutter Krauses Fahrt ins Glück“ aus dem Jahr 1929, nur kurze Sätze erklären die Geschichte mit den entgleisten Mienen, den Männern mit den Schiebermützen und den hübschen Meechens, die gefragt werden, ob sie denn „keene Angst vor die Hochzeitsnacht“ hätten. Piel Jutzi, der Regisseur, arbeitet wie ein Reporter, geht auf die Gesichter los und in die Seelen hinein, entdeckt die Dramen in den Damen und die Güte in Mutter Krauses Blick. „Der erste deutsche Russenfilm“ schrieben sie damals.

Heinrich Zilles Bilderschau ist bestens besucht. Ein Glücksfall für die Akademie. Im Gästebuch nörgeln manche: zu kleine Schrift, zu dunkles Licht, keine Garderobe. Einer schrieb: „Meckert nicht, seid froh, dass es überhaupt zu dieser Ausstellung kam!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben