Was machen wir heute? : Die Flucht vorbereiten

Stephan Wiehler

Der Abschied von meiner kleinen Familie findet wie im Halbschlaf statt. Kurz nach sechs verlassen wir das Haus. Selbst vom Koffertragen werde ich nicht richtig wach. Benommen lenke ich das Auto in die blendende Sonne Richtung Schönefeld. In der Abfertigungshalle setze ich die Sonnenbrille auf, um meine müden Augen vor dem schmerzhaften Orange des Billigfliegers zu schützen.

Nun sind sie weg, meine Frau, meine Töchter Emma und Klein-Greta, ausgeflogen an die Strände Sardiniens. Es ist einsam geworden in Berlin, die Stadt ist halb leer. Die Wirtschaft, die Politik, die Presse, die Kirche, die Gewerkschaften, alle sind sie raus in die Ferienfrische – nur eine Notmannschaft ist zurückgeblieben und scheuert die heißen Planken an Bord des Hauptstadtschoners, der im Sommerloch auf Grund gelaufen ist.

„Papa, ich vermisse dich so sehr“, sagt mir Emma am Telefon. „Du musst deinem Chef sagen, dass du deine Tochter sehen willst und nicht länger auf deinen Urlaub warten kannst.“ – „Ja, Emma, aber ich muss hier bleiben bis er aus den Ferien zurückkommt.“ Wie erwachsen sich das Kind anhört, denke ich, und ich rede mit ihr schon wie mit meiner Frau; auch, wenn ich widersprechen will, fange ich jeden Satz mit Ja an.

Zu Hause ist es gespenstisch still. Die Hitze krabbelt die Wände rauf. Ich schlafe schlecht, so ganz allein zu Haus. Das tut nicht gut. Man kommt so auf Gedanken, für die ein Mann mit Familie sonst gar keine Zeit hat. Wie die Zeit vergeht, zum Beispiel. Nach diesen Ferien wird alles anders. Emma hat Abschied von der Kita genommen und wird zur Schule gehen. Klein-Greta hat Abschied genommen von ihrer Tagesmutter und wird in die Kita gehen. Und mir nichts dir nichts werde ich ein alter Vater sein.

Es wird Zeit, dass ich hier wegkomme. Ich bin echt urlaubsreif. Stephan Wiehler

Hauen Sie ab, wenn Sie können! Oder ertränken Sie ihren Kummer auf dem Bierfest an der Karl-Marx-Allee, wo heute und morgen 260 Brauereien im „größten Biergarten der Welt“ ausschenken.

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