Kultur : Was machen wir heute?: Die Generation N füttern

Harald Martenstein

Die Geschichte des kindlichen Essens geht folgendermaßen: erst mal gab es zu wenig (Phase eins). "Mütterlein, ach, mich hungert so arg! Vater, Vater, Erbarmen, gebt uns Brot!" So klang es bei den Vorfahren für gewöhnlich bei Tische. Schauderhaft! Dann gab es genug, aber die Kinder mussten essen, was die Eltern ihnen vorschrieben (Phase zwei). "Iss Deinen Teller leer, Bub!" "Nimm vom Spinat, Mädel!"

1968, zu Beginn der Phase drei, wurde das kindliche Essen zwar von der Repression befreit, aber gleich darauf brauste die Welle des Bio-Terrors über das Land. Es gab zwar genug, aber von den falschen Sachen. Die Kinder wurden stockfleckig und schrumpelig wie die Christweintrauben von all dem Dinkelschrotsud, der Brennnesselkreme und den Magerjoghurtpastillen. Endlich brach die postmoderne Lifestyle-Revolution aus, wir waren frei. Phase vier: Keine Pädagogik mehr, keine Not, keine Skrupel... zum ersten Mal könnte in Deutschland eine Generation heranwachsen, die essen darf, was und wie viel sie will.

Kanzler! Was sollen wir unserem Kind zu essen geben? Wozu ist unsere Freiheit gut? Das Kind hasst Gemüse. Das Kind ekelt sich vor Obst, verabscheut Fisch und mag Käse nicht sonderlich. Das Kind will Wurst essen, Wurst, Wurst, die ganze Zeit, weil ihm gesagt wurde, es sei in seiner Wahl frei, aber es weiß, dass die Wurst irgendwie vergiftet ist, und bei Milch ist es auch misstrauisch geworden. Rind, Schwein, Lamm: "Everything is broken" (Bob Dylan).

Weil das Kind nie dazu gezwungen wurde, etwas zu essen, was ihm nicht schmeckt, und weil andererseits die meisten Sachen, die ihm schmecken, inzwischen gefährlich sind, isst es fast nur noch Nutella. Und es ist überall so in Deutschland. Zur Zeit findet in den deutschen Kinderzimmern ein Menschenexperiment nie gesehenen Ausmaßes statt, es wächst eine Generation heran, die sich fast ausschließlich von Nutella ernährt, die Generation N. Die Generation N dürfte theoretisch fast alles essen und fast alles tun und fast alles sagen, wenn die Verhältnisse es zuließen. Aber die Verhältnisse lassen es nicht zu. Die Generation N ist politisch aufgeklärt und multikulturell, aber wenn man mal genau hinschaut, ist inwendig alles braun von dem vielen Nutella. Boris Becker ist ihr Gott, der Nutellamann aus der Werbung, der sich auch gern mit braunen Menschen umgibt.

"Kind?" "Ja?" "Was werden wir Dir zu essen geben, wenn die Wissenschaft auch in Nutella etwas Gefährliches findet? Nutellamilben, das Nutellafieber, Morbus Nut oder so was? Was soll dann werden aus uns?"

"Boris Becker wird das nicht zulassen. Boris Becker wird das Nutellafieber besiegen."

Boris Becker hat eine neue Freundin, sagen wir dann immer, er hat wenig Zeit zur Zeit. Aber die Kinder glauben an ihn. Dass er ihr Nutella beschützt. Dass er zu ihnen herabsteigt, wenn sie ihn brauchen. Boris Becker wird mit seinen großen Händen noch einmal den Tennisschläger packen, für das letzte, entscheidende Ass, für den Matchball gegen alle Nutellakrankheiten.

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