Was machen wir heute? : Die Kuh fliegen lassen

Plümper

Eigentlich ist’s ja was für Kinder. Der Rentner hat zwar als Kind Drachen gebastelt, in die Luft gestiegen war aber keiner. Wahrscheinlich waren nach dem Kriege die Materialien – dickes Packpapier und wiederverwendete Paketschnur – einfach zu schwer.

Ein Freund schenkte ihm jedoch vor einigen Jahren einen Reisedrachen, kleiner als eine Seite des Tagesspiegels. Jahrelang lag er in der Reisetasche. Aber als der Rentner in den Alpen war, wehte dort abends ein ganz gleichmäßiger, kräftiger Abendwind vom Gletscher her. Der Drachen stieg hoch und höher, zuletzt war er ein kleiner, graugrüner Punkt. Noch größer als die Freude des Rentners war der Jubel des kleinen Max, des fünfjährigen Bauernsohnes. Im nächsten Jahr brachte er für ihn einen zweiten Drachen mit.

Dann kam der Rentner zum ersten Mal zu einem Drachenfest. Ein spätsommerlicher Tag, Wind, blauer Himmel. Eigentlich war es irgendwie surrealistisch: Hunderte von Kinderdrachen mit ihren Schwänzen im Blau, dazu Kastendrachen, Tintenfische, Bären, Zebras. Ja, sogar eine Kuh hatte sich in die Luft erhoben. Aber das Verrückteste waren die Drachen in der Nacht! Der Rentner hatte sich einen Liegestuhl geschnappt und konnte mit einem Glühwein in der Hand – inzwischen war’s kühl geworden – die Darbietungen verfolgen: Gigantische Geister schwebten aus dem Dunkel heran, von unsichtbarer Hand drohend hin und her bewegt, von Scheinwerfern gespenstisch beleuchtet. Dann stiegen fern fünf Drachen auf. Als sie sich genähert hatten, entzündeten sie ein gewaltiges Feuerwerk im Himmel.

Des Rentners Sohn hat sich später einen Lenkdrachen gekauft, der Rentner durfte ihn am Ostseestrand ausprobieren. Aber seine Liebe gehört den Kinderdrachen. Einen großen hat er sich gekauft, und mit dem ging er diesen Frühherbst auf ein Stoppelfeld. Und da steht nun der Rentner, lässt seinen Drachen steigen – und freut sich wie ein Kind. Plümper

Drachen und vieles mehr gibt’s bei Flying Colors in Schöneberg, Eisenacher Straße 81.

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