Kultur : Was machen wir heute?: Die langsame Tour

Markus Huber

Ja, Berlin ist eine angenehme Stadt, doch das hat wenig mit der Stadt an sich zu tun. Das angenehme an Berlin ist, dass die Stadt so toll weit weg von zu Hause ist. Gute sieben Stunden Fahrzeit trennen uns von dort, wo die Berge hoch, das Wasser blau und die Wälder so weitläufig sind, dass sich Fuchs und Hase gut gute Nacht sagen können. Diese Pufferzone sorgt dafür, dass die lieben Verwandten und Bekannten nicht einfach so, ohne Ankündigung, mal eben schnell auf einen Kaffee hereinschneien, das Sofa durchwetzen und die Lieblingskekse wegfuttern können.

Das Unangenehme ist, dass es sich selbst bis zu den Füchsen und Hasen durchgesprochen hat, dass Berlin im Moment so schrecklich pulsiert. Also kommen sie in Scharen, mal rudelweise (akzeptabel, weil sich Rudel gut selbst unterhalten können), mal im Zweierpulk (geht noch, weil sie dann zumindest sich selbst haben), und jene, die in Wien schon keine Freunde hatten, kommen allein (schlimm, weil die dann unterhalten werden müssen, was schwer ist, weil wenn es leicht wäre, wären sie ja nicht allein). Und alle, alle bleiben länger als es dauert, einen Kaffee zu trinken. Was tun?

Genügsame Geister wie Freund R. kann man einfach vor den Fernseher setzen und den Offenen Kanal anmachen. Da sitzt er dann stundenlang, futtert Kekse, wetzt das das Sofa durch und amüsiert sich über die Schrulls, die es dort, wo Freund R. herkommt, nicht gibt. Manche sagen, dass Freund R. selbst ein Schrull ist.

Leider sind nicht alle so, und dann braucht es Programm. Variante eins, genannt die harte Tour: Zuerst ein paar Drinks im 808, dann in die Maria am Ostbahnhof, dann in den Tresor, und bei Bedarf noch einen Absacker. Das Angenehme an der harten Tour ist, dass die Bekannten am nächsten Tag so matt sind, dass sie sich noch nicht mal zu H&M schleppen wollen. Das Unangenehme an der harten Tour ist, dass man selbst so matt ist, dass man sich noch nicht mal zu H&M schleppen will. Und matt macht auch der Offene Kanal keinen Spaß mehr.

Also Variante zwei, die langsame Tour: Die Gäste früh am Morgen hinter dem Tränenpalast in ein Ausflugsschiff verladen. Vom Boot aus können sie dann das ganze pulsierende Berlin sehen, und das mit sehr viel Ruhe und Langsamkeit. Die Tour dauert vier Stunden, und dann sind sie platt. Oder aber, man macht eine Bus-Tour durch Berlin. Aber Achtung - nicht mit einem Doppeldecker-Bus, denn da gibt es den Fremdenführer nur über den Kopfhörer. Besser ist es, sich mit einem Kleinbus durch Berlin kurven zu lassen, dann hat man eine reelle Chance, dass man nicht der einzige Freak auf der Tour ist. Neulich hatten Freund R. und ich das Glück, dass zwei echte Schwaben mit uns im Bus saßen (die Tour kostet auch nur 35 Mark). Die hatten drei Stunden zu tun, sich darüber aufzuregen, wie viel Steuergelder in die neue Hauptstadt gesteckt werden. Und das ist sogar besser als der Offene Kanal. Meint Freund R. Und der muss es ja wissen.

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