Kultur : Was machen wir heute?: Die Nachlassfrage stellen

David Ensikat

Was werden sie wohl mit meinem Nachlass tun? Werden sie Verständnis für mein Übriges haben? Nein, einen akuten Grund, mir darüber Sorgen zu machen, gibt es meines Wissens im Augenblick nicht. Aber ist es nicht viel sinnvoller, sich solche Fragen zu stellen, wenn man gerade nicht in Lebensgefahr schwebt?

Mein Anlass für die Nachlassfrage war der Besuch des "Museums der Dinge", einer Sammlungs-Sammlung gewissermaßen. Sie ist in der oberen Etage des Gropiusbaus zu bewundern. Unten, im "Theatrum naturae et artis", stehen auch Sammlungen herum; die aber im Gegensatz zu den Exponaten weiter oben einmal einen Sinn hatten. Unten also gibt es afrikanische Käfer, fein ordentlich der Größe nach sortiert, etliche Menschengerippe und wächserne Nachbildungen von ekligen Hautausschlägen. All das hat bestimmt schon mal zum Wissenszuwachs beigetragen, zum wissenschaftlich-organisierten.

Oben aber, im "Museum der Dinge", da stehen Micky Mäuse. Wie unten die Käfer sind sie zwar auch der Größe nach sortiert. Aber wem sagt das was? Hier hängen auch etliche kohlrabenschwarze Papierseiten in einer Vitrine. Wer ganz nah herangeht, erkennt scheinbar sinnlos aneinandergereihte Buchstaben darauf, Schreibmaschinendurchschläge. Verschlüsselte Stasi-Informationen sollen das sein. Die hat einer 1993 aus einer Mülltonne geholt und zur Sammlung erklärt. Jetzt hängen sie im Museum, und keiner weiß, was sie bedeuten.

Was so ein Museum soll? Nun, es bringt Wegwerfmuffel wie mich dazu, die Nachlassfrage zu stellen.

Ich erinnere mich da zum Beispiel eines schweren, dicken, blauen Albums, das tief in einer Schublade vergraben ist. Von Umzug zu Umzug schleppe ich es mit mir herum; ich habe seit mindestens 15 Jahren nicht mehr hineingeguckt.

Es ist ein Münzalbum. Schuld, dass ich so was als 10-Jähriger angelegt habe, ist mein Vater. Nein, die Stasi ist schuld! Die hat immer mal nichts dagegen gehabt, dass mein Vater ins ferne Ausland reist. Von da an brachte er mir stets ein kleines bisschen Restgeld mit. Ich fand das so schmuck, dass ich es mit einer stinkenden und ätzenden Reinigungspaste blank putzte, mich für einen Münzsammler hielt und folgerichtig die Münzen, ordentlich sortiert, ins Münzalbum steckte. Da stecken sie noch heute. Ein paar Centimes aus Frankreich, einige Öre aus Schweden, Stotinki aus Bulgarien und auch kleine Kopeken aus der großen Sowjetunion.

Da ich fand, dass mein Münzalbum ungemein wertvoll war, hielt ich es auch für würdig, die wenigen Schlumpfaufkleber zu tragen, die ich - woher auch immer - bekommen hatte.

So liegt das Album also in einer Schublade, eine Sammlung, die so gut wie keinen Wert hat, geschmückt mit ein paar zerkratzten Schlumpf-Aufklebern. Ich werde es nie übers Herz bringen, das wegzuschmeißen. Was wohl meine Nachlassverwalter damit anfangen werden?

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