Was machen wir heute? : Die Natur beherrschen

Wie ein Vater die Stadt erleben kann - ein prämiertes WC-Center aufsuchen.

Stephan Wiehler

Die Königin von England tut es, Sie und ich müssen es tun, und Sigmund Freud hat auch viel drüber nachgedacht. Trotzdem wird das Thema gern verdrängt. Über das tägliche Geschäft redet man nicht, man verrichtet es hinter verschlossener Tür, weil es sich nicht so recht mit Würde erledigen lässt. Dabei ist die Beherrschung der Notdurft und die Erfindung der dazugehörenden Hygiene mindestens eine so bedeutende Errungenschaft wie der aufrechte Gang. Na gut, auch Hunde können es von ihren Herrchen lernen. In Berlin hat sich dieses hohe koevolutionäre Entwicklungsstadium allerdings noch nicht ganz durchgemendelt.

In den Ferien haben wir angefangen, Greta von der Windel zu entwöhnen. Ein Foto zeigt die zweieinhalbjährige Tochter auf der Terrasse unseres Ferienhauses, links das Töpfchen, und einen Meter rechts von ihr liegt, was eigentlich in den Topf gehört hätte. Einige Wochen später pflegt Greta schon einen souveränen Umgang mit dem Töpfchen, das sie vorzugsweise in die Küche oder ins Wohnzimmer bringt, damit die Familie an dem Schauspiel teilhaben kann. Mit einer Aura der Erhabenheit hockt sie auf ihrem Thron, bis sie stolz das Ergebnis präsentiert, das mit zwei Smarties oder Pistazien belohnt wird. Naturbeherrschung als Machtdemonstration.

Als unfreiwilliger Zeuge muss ich sagen, es wäre schön, wenn bald ein gesundes Schamempfinden dazukäme. Vergesst Recht und Moral, es ist die menschliche Scham, die uns vor der Barbarei bewahrt! Der Abgrund ist tief, wie sich an der Kabinenwand einer Kreuzberger Kneipentoilette ablesen lässt: „Wie einst der Führer sitz ich hier, die braunen Massen unter mir.“ Der Drang, die dunkle Vergangenheit irgendwie zu verdauen, hinterlässt in diesem Land noch an den stillsten Örtchen seine Spuren. Nicht immer geht es hygienisch dabei zu. Stephan Wiehler

Eine besonders schöne öffentliche Bedürfnisanstalt befindet sich unter dem Alexanderplatz. Das WC-Center der Wall AG wurde mit dem Designpreis „Goldene Flamme“ ausgezeichnet, geöffnet täglich von 10 bis 22 Uhr, Benutzungsgebühr 50 Cent.

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