Was machen wir heute? : Die S-Bahn lieben

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

David Ensikat

Ich hatte die Wahl: Berliner S-Bahn oder Münchner S-Bahn. Am Gesundbrunnen hätte ich auf die überfüllte Berliner S-Bahn warten müssen, ebenso wie es Hunderte Ungeduldiger auf dem Bahnsteig taten. Am anderen Bahnsteig war es andersrum: Da warteten nicht die Fahrgäste auf die Bahn, sondern da stand die Münchner S-Bahn, still und bescheiden, und wartete auf Menschen. Zehn Minuten stand sie da und wartete.

Ich bin schon mal in München mit der Münchner S-Bahn gefahren und erinnere mich an ein befriedigendes Beförderungserlebnis. Die Sitze waren weich, die Beförderten um mich herum interessant. Sie sprachen ihren lustigen bayerischen Akzent, als sei das eine Selbstverständlichkeit. In Berlin fuhren keine Bayern mit der Münchner S-Bahn. Neben den Bayern fehlten allerdings auch die Berliner.

Seit ein paar Tagen pendeln zwischen Gesundbrunnen und Südkreuz Münchner Züge, weil die Berliner ihre Züge so sehr lieben, dass sie sie möglichst allesamt in Werkstätten hegen und pflegen. Den auf den Strecken weiter ihren harten Dienst verrichtenden Wagen zollen die Berliner ihren Respekt, indem sie sie massenhaft besteigen, sich in sie zwängen, generell nicht ins Wageninnere durchrücken, weil sie den Türbereich so ganz besonders schätzen, vielleicht, weil sie sich im Türbereich mehr Nähe zu immer neuen Berliner S-Bahn- Fans erhoffen.

Die Münchner S-Bahn war leer, still und wohltemperiert. Auf dem Streckenplan fand sich neben bayerischer Folklore („Fröttmaning“, „Englschalking“) auch manch freundliche Berlin-Reminiszenz („Hohenzollernplatz“, „Icking“). Es war eine sehr angenehme Fahrt bis zum Potsdamer Platz, wo ich allerdings gleich in den Bus umsteigen musste. Gern wäre ich noch ins große Bahngebäude gelaufen, hätte mich zu den Verantwortlichen für die neuen Berliner Bahnfahrterlebnisse durchgefragt und freundlich „Danke“ gesagt. David Ensikat

Tagsüber fahren die Münchner Züge vier Mal in der Stunde.

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