Was machen wir heute? : Die schönste Ecke Berlins besuchen

Lothar Heinke

Im wunderschönen Ephraim-Palais am Eingang zum Nikolaiviertel kann gerade ein Kapitel Berliner Industriegeschichte besichtigt werden. „Eiserne Zeiten“ heißt die Ausstellung. Aber uns interessiert heute mehr die Hülle, der Mantel. Dieses außen wie innen so harmonische, wohlproportionierte Gebäude, das mit seinen Säulen, Balkonen und goldenen Gittern eine Ecke abrundet – man sagt: die schönste Ecke Berlins.

Das Haus war von 1761 bis 1764 nach Plänen des Oberbaudirektors Friedrich Wilhelm Diterichs für den Hofjuwelier und Münzunternehmer Friedrichs des Großen, Nathan Veitel Heine Ephraim, am Molkenmarkt errichtet worden. Der Reichtum des Besitzers war augenfällig. Anno 1936 wurde das Eckhaus wegen der Erweiterung der Mühlendammbrücke abgetragen, die 2000 Fassadenteile kamen auf einen Lagerplatz in Wedding und gelangten dann zum Berlin-Museum an der Lindenstraße. Die Pläne, das Palais dort wiederaufzubauen, wurden glücklicherweise nicht realisiert, stattdessen kam – lange vor dem Mauerfall – eine West-Ost-Kooperation zustande. Was mit der Rückgabe der Schlossbrücken-Figuren begonnen hatte, wurde nun fortgesetzt.

Helmut Engel, der langjährige Landeskonservator, und Ludwig Deiters, Generalkonservator der DDR, trafen sich, um die Modalitäten zu beraten, wie die Steinstücke wieder zurück an ihren ursprünglichen Standort kommen konnten. In Ost-Berlin sollte das Palais ein Glanzstück des neuen Nikolaiviertels werden. Helmut Engel vermisste damals auf dem Bauschild den Hinweis, dass die Steine für das Rokokohaus vorher im kapitalistischen Westen gelegen hatten – „Statusfragen“ spielten eine große Rolle, und in einem touristischen Berlin-Führer durch Ost-Berlin heißt es, die Fassadenteile „wurden nach mehrmaligem Ortswechsel schließlich vom Senat von Berlin (West) der DDR zurückgegeben“. Das war im Juli 1983. Im Mai 1987 strahlte das Juwel wieder. Die Gegengabe der DDR: ein Gipsabdruck des Taufbeckens der Nazarethkirche Wedding. Etwas wenig, aber von Herzen.Lothar Heinke

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