Was machen wir heute? : Die Spielregeln ändern

Ariane Bemmer

Eines habe ich über die Jahre gelernt: Gesellschaftsspiele mit Anstand zu verlieren. „Es ist ja nur ein Spiel, es geht ja um nichts“, murmele ich vor mich hin, sobald sich andeutet, dass ich die Letzte sein werde, die ihre Mensch-ärger-Dich-nicht- Figürchen nach Hause würfelt, und, was noch tröstlicher ist: „Die anderen haben bloß mehr Glück.“ Wie Würfel fallen, Karten liegen, hat mit dem Spieler persönlich nichts zu tun. Das ist Glück, Pech, Schicksal, jedenfalls nicht zu ändern.

Was ich also gar nicht leiden kann, sind Strategiespiele. Wo man als Verlierer nicht nur verloren hat, sondern auch noch völlig zu recht, weil man zu doof war. Neulich stand bei Bekannten so ein Spiel auf dem Tisch: „Hamburgum“ hieß es, der einzige Grund, weshalb ich überhaupt einwilligte, mitzuspielen, denn ich komme aus Hamburg. Das Brett wurde aufgebaut, Plastiktüten mit Spielsteinchen, Spielgeld und Figürchen wurden aufgerissen, ausgeleert, Häufchen gebildet, die Spielregeln verlesen. Je länger das dauerte, desto ratloser wurden wir. Es sollte darum gehen, den Kirchenbau in der Elbmetropole des 17. Jahrhunderts zu fördern. Dafür sollten wir Bier, Zucker, Tuch produzieren und in ferne Länder verschiffen. Es gab ein Rondell mit Symbolen, Aktionsfelder, dazu einen Hafen. Aber wer wo lang geht, wann welches Schiff ausläuft und wie viel man für die Waren bekommt, blieb uns unklar. Am Ende sollte der gewinnen, der am meisten Geld für Hamburgs Kirchen gespendet hat. Wir glotzten uns an. Hä?, sagte ich. Eine Weile schoben wir unsere Figuren auf dem Brett herum, aber Sinn machte das nicht. Dann schlug ich auf den Tisch und schrie: „Wir ändern die Regeln!“ Ein Würfel war schnell gefunden. Nun rasten unsere Figuren in Einer- und Sechser-Schritten übers Brett, jagten sich Bier, Zucker und Tuch ab und wieder ab, und gewonnen habe am Ende ich, weil ich als Einzige die neuen Regeln kannte. Was für ein Schachzug. Ariane Bemmer

Jede Menge Spiele gibt es bei Spielbrett, Körtestraße 27, Kreuzberg, und wer, wie ich, nicht gern spielt, kann sich ja ein Puzzle kaufen.

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