Kultur : Was machen wir heute?: Die wahren Athleten trainieren

Heike Jahberg

Wissenschaftler warnen. Sie sagen: Unsere Kinder sind zu dick. Zu viel Pommes und Burger, zu viel Fernsehen und Computerspiele - und hups sind die Pfunde da. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Ich sage Ihnen: Einige Kilos gehen auch auf das Konto ruhebedürftiger Mitbürger, die sich jegliches Toben und Hüpfen in der Wohnung verbitten. Besonders energische Herrschaften dehnen ihren Ruhebereich auch noch auf die angrenzenden Gärten aus, und versuchen so, Wohnsiedlungen zu kostengünstigen Seniorenresidenzen umzugestalten.

Dabei bewegen sich Kinder gern. Sie rennen, klettern, springen, sie fahren Fahrrad oder rutschen, sie matschen oder graben Tunnels - und einige joggen. Zum Beispiel der fünfjährige Tom und seine Freunde. Nach kurzem Training (18 Mal ums Haus) gingen sie kürzlich erstmals offiziell an den Start. Während mein Gatte, ein erfahrener Ausdauerläufer, den Berliner Halbmarathon bestritt, wollte das Bambino-Quartett den "Kinder-Marathon" laufen.

Eine Stimmung wie bei den Olympischen Spielen. Das Mommsen-Stadion voll besetzt, Tausende Menschen in kurzen Hosen, die nervös hin- und herrennen und auf ihren Start warten, und dann immer wieder der Stadion-Sprecher, der in ohrenbetäubender Lautstärke auf die bevorstehenden Rennen hinweist. Es fällt der Startschuss für den Halbmarathon, dann knallt der Starter wieder in die Luft - es beginnen der Zehn- und der Fünf-Kilometer-Lauf, und schließlich, als sich das Stadion bereits beträchtlich geleert hat, sind die Kleinen dran.

Einige sind schon jetzt mit den Nerven fertig. Das Geknalle, die dröhnenden Lautsprecher, die Aufregung - das verkraften nur die Härtesten. Und schon wieder kommt der Mann mit der Pistole. Ein Mädchen weint und verkriecht sich. Tom hält sich die Ohren zu und verpasst beinahe den Start. Aber nur beinahe, denn seine Freunde sprinten pünktlich los, und zu Viert rennen sie auf dem Oberring des Stadions dem Ziel entgegen. Philipp, der Sprinter, Friederike, die Gazelle, Tom im guten Mittelfeld und Johanna an der Hand von Papa. Aber egal: 600 Meter "Bambini-Lauf", das sind für jeden von ihnen 600 Meter voller Dramatik.

Kinder sind die wahren Athleten. Sie rennen nicht aus Kalkül oder Taktik, sie laufen nicht für Geld oder Werbeverträge, ihnen geht es um die Ehre. Sie wollen gewinnen, sie wollen schneller sein als die anderen, sie wollen sich messen oder einfach nur ankommen. Und wenn sie es geschafft haben, sind sie einfach nur stolz. Stolz auf sich, auf ihre Startnummer, die Urkunde und die Tafel Schokolade, die es am Ziel als Belohnung gibt. Und die macht garantiert nicht dick, wenn man ab und zu mal eine Runde joggt.

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