Was machen wir heute? : Die Wunder der Welt entdecken

Wie ein West-Berlinerdie Stadt erleben kann

Holger WildD

Neben Blaualgen, Gottesanbeterinnen und Zeitungsredakteuren hat die Evolution auch jede Menge Vögel hervorgebracht. Sie wissen schon, diese gefiederten Tiere, die unsere Felder, Wiesen, Wälder, Städte und Fabeln bevölkern. Die hüpfen, scharren und fliegen, die aber der West-Berliner als Stadtkind (Mauer!) in ihrer Mehrzahl nie zu Gesicht bekommen hat.

Im Naturkundemuseum aber sind sie alle versammelt: Amsel, Drossel, Fink und Star sowieso, aber auch Wiedehopf und Uhu, Teichrohrsänger und Nachtigall, Waldkauz, Sperber und Lämmergeier, nicht zu vergessen diverse Stelzen, Rallen und Häger. Alle aufs Zierlichste ausgestopft im originalen Balg, an mancherlei Zweigwerk fixiert und in Dioramen arrangiert. Aller-allerliebst, kann der West-Berliner noch unumwunden zugeben – dann übermannt ihn wieder das Staunen.

„Naturwundermuseum“ müsste das hier eigentlich heißen, denkt der West-Berliner, als er wieder halbwegs zur Besinnung kommt. Er steht in der Abteilung der dermoplastischen Versammlung aller Huftiergattungen, geradewegs vor einer Gruppe ausgestopfter Nilpferde. Die übrigens mit der tibetanischen Bergziege mehr gemein haben, als der West-Berliner je hätte mutmaßen können. (Was in diesem Fall nicht an der Mauer lag.)

Jetzt aber die Frage an alle Kreationisten: Ihr mögt ja dafürhalten, dass all’ diese Lebensformen viel zu unwahrscheinlich seien, um von ganz allein in millionenjährigem Kampf ums Dasein entstanden sein zu können. (Und da kennt ihr die Buckelzirpe noch nicht, ein kleines Insekt, das auf seinem Rücken einen bizarren, geradezu extraterrestrischen Aufbau trägt, der an eine 60er-Jahre-Designer-Lampe erinnert, aber höchst unpraktisch aussieht und möglicherweise nicht einmal einen Zweck hat, jedenfalls hat ihn noch keiner herausgefunden.) Aber, ihr Gottesanbeter: Dass dieses Museum 19 Jahre nach der Wende plus grundlegender Sanierung immer noch nach DDR riecht – ist das auch der Plan des HErrn? Holger Wild

Naturkundemuseum, Invalidenstraße 43, Mitte, Dienstag bis Freitag 9.30 bis 17 Uhr, am Wochenende 10 bis 18 Uhr.

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