Was machen wir heute? : Die Zeit abreißen

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Haben Sie sich schon ihren Weg durch den Kalenderdschungel gebahnt? Die Buch- und Papierläden sind voll von Taschen-, Wand-, Kunst-, Tier-, Landschafts-, Literatur-, Promi- und Berlinkalendern (siehe Seite 18). Die Dinger werden von Jahr zu Jahr größer, gewaltiger und manchmal auch schöner, wer Geduld hat, bekommt die teuren Hochglanzbilderbogen übrigens schon kurz nach Neujahr sehr billig hinterhergeschmissen. Gegen den Trend und wegen der Rückseiten haben wir mal wieder so einen kleinen Tagesabreißkalender gekauft. Von hinten betrachtet sind die 370 Blättchen zu 2,39 Euro Lesematerial, Bildungsnahrung, Aufklärungsstoff und Anreiz zum Lachen in einem, dazu gibt es Bauernregeln, Sudokos und Rezepte zum Sammeln: Wie koche ich „beschwipste Hagebuttenmarmelade“?, erzählt das Blatt vom 1. 9., dem Namenstag von Verena und Ägidius in der 35. Woche mitsamt SA und SU, MA und MU. Das passt alles aufs Format 55 x 80 mm, und dann erst diese literaturnobelpreisverdächtigen Werke, zum Beispiel vom 3. Juli: „Einsam stapf ich durch den Wald, knackend manch ein Schritt verhallt. Bei dem Rascheln dort, dem Rauschen, halt ich inne, um zu lauschen, spüre, dass da Wesen stehen, wachen Auges auf mich sehen, unerkennbar in Gestalt. Schaudernd eil ich aus dem Wald“. Schlups, weg war er. Und konnte sich später an einem ostfriesischen Haushaltstipp ergötzen: „Kuchen bleiben länger frisch, wenn Sie sie später backen“. Hm. Und was ist Selbsttäuschung? Wenn man sich auf die Waage stellt und dabei den Bauch einzieht. Noch ’n Abreißwitz: „Damit eines klar ist“, sagt die neue Vermieterin streng, „Liebhaber gibt es bei mir nicht!“ „Kein Problem“, meint darauf die Mieterin, „dann bring ich mir die halt selber mit.“ Solche scharfen Sachen gab es übrigens in den Minikalendern zu DDR-Zeiten auch, garniert mit Sprüchen von Maxim Gorki und Karl Marx, und die Rezepte enthielten vorwiegend jenes Gemüse, das garantiert im Angebot war: Kohl. Zum Schluss noch das Wetter: „Lacht der Januar im Kommen und Scheiden, so bringt das Jahr noch viele Freuden“. Ja, alles wird gut! Lothar Heinke

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