Was machen wir heute? : Die Zeit anhalten

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Die Leute waren zu schnell und die Kameras zu langsam vor 150 Jahren. Die Fotos mussten lange belichtet werden, ein paar Sekunden bei Tageslicht, vielleicht zehn, vielleicht auch mehr. Wer nicht so lange vor der Kamera still hielt, erschien nicht auf den Bildern. Straßen und Plätze auf den ersten Fotos von Berlin sind fast menschenleer, nur wer stillstand, wurde festgehalten. Auf dem Gendarmenmarkt steht eine Kutsche. Im Lustgarten sitzt ein Mann auf einer Bank und zwei Frauen in weiten Röcken stehen auf dem Weg. Außerdem steht da der Berliner Dom, und zwar der klassizistische Vorgänger (falsches Wort, aber Vorsteher sind entweder Drüsen oder von Bahnhöfen fortgesparte Aufsichtspersonen) des Monstrums, das der Kaiser zur Jahrhundertwende dort hinsetzen ließ.

Diese frühesten Fotos von Berlin sind in einer Galerie zu sehen und zu kaufen, für 25 000 Euro je Stück, und diese Galerie befindet sich ganz in der Nähe einer anderen, der Berlinischen Galerie. Dort zeigt die Nan-Goldin-Ausstellung einen zeitgemäßen Gegenentwurf zu den Berlin-Fotos aus der Anfangszeit des Mediums. Goldin war 130 Jahre später in der Stadt und hat ausschließlich Menschen fotografiert. Gebäude, Straßen, Plätze kommen bei ihr nicht vor. Die Menschen aber, so beweglich sie auch waren, entgingen der Kamera nicht mehr. Sehr bunt und nah sind Nan Goldins Bilder und zehnmal größer als die alten. Die Fotografin sagt, sie fotografiere vor allem ihre Freunde, und das vor allem aus Angst, sie zu verlieren. Wer über das Wort „Schnelllebigkeit“ nachdenken möchte, der sollte sich diese beiden Ausstellungen ansehen. Und dann sollte er noch in die überhaupt allerschönste Fotoausstellung gehen, ebenfalls in der Berlinischen Galerie: Fotos von Arno Fischer, beinahe zeitlos, immer gut. David Ensikat

Leopold Ahrendts und die Frühzeit der Photographie in Berlin, bis 22.3. in der Galerie Berinson, Lindenstraße 34, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr, Nan Goldin, bis 28.3., und Arno Fischer, bis 28.2., Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124, Mi-Mo 10-18 Uhr

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