Was machen wir heute? : Die Zukunft planen

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Andreas Austilat

Neulich bekam mein Sohn Post vom Kreiswehrersatzamt. Was wollen die denn von dem Jungen, dachte ich so bei mir, der ist doch noch nicht ausgewachsen. Aber richtig, er wird bald 18. Eigentlich ging mich der Brief also gar nichts an, ich durfte ihn mir trotzdem angucken. Noch ist er ja 17.

„Sehr geehrter Herr“, schrieben sie ihm, „grundsätzlich soll der Wehrdienst so früh wie möglich abgeleistet werden.“ Weshalb er im Herbst mit der Musterung rechnen muss. Donnerwetter, schon so bald.

Und dann haben sie ihm ein Angebot gemacht: Offizier werden. Klang eigentlich ganz verlockend, „sicherer Arbeitsplatz“, hieß es, „studieren und gleichzeitig gut verdienen“, „nicht in volle Hörsäle quetschen“. Der Junge, er hätte praktisch sofort sein eigenes Auskommen. So ein Studium kann ja teuer werden. Und es kann verdammt lange dauern.

„Führen und erziehen Sie Soldaten“, stand da weiter. Man stelle sich vor, gestern habe ich ihn erzogen, schon morgen erzieht er vielleicht selbst! Und dann kam noch was: „Bilden Sie im Frieden und im Einsatz aus.“

Was soll das denn heißen? Ist Einsatz etwa das Gegenteil von Frieden? Für einen kurzen Moment war ich ganz durcheinander. Leo Tolstoi schoss mir durch den Kopf, der hat doch nicht „Einsatz und Frieden“ geschrieben? Oder H.G. Wells: „Einsatz der Welten“? Und hat jemals jemand was von „Einsatz der Sterne“ gehört?

Zugegeben, so richtig mitreden kann ich diesmal nicht. Ich bin im weitgehend entmilitarisierten West-Berlin aufgewachsen. Der Einzige, der in unserer Familie über nennenswerte militärische Erfahrung verfügte, war mein Vater. Der war aber noch in Hitlers Wehrmacht. Und über die sprach er nicht gern.

Trotzdem, jemand muss den Jungen aufklären. Mein Sohn, habe ich ihm also gesagt, sie sagen dir in diesem Brief vielleicht nicht die ganze Wahrheit. „Ja wie“, hat er mir geantwortet, „meinst du ich bin blöd?“ Ach der Junge, er wird langsam groß.

Sven Regeners zweites Buch „Neue Vahr Süd“ erzählt sehr anschaulich von jemandem, der ungewollt zur Bundeswehr kommt.

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