Was machen wir heute? : Diktatoren verstehen

Jochen Schmidt

Wenn man Diktatoren verstehen will, muss man Lehrbücher zur Kinderpsychologie lesen, sagt Ryszard Kapuscinski. In „Zu Besuch bei Diktatoren“, einem Bildband von Peter York, kann man sehen, wie sich Mussolini, Peron oder Idi Amin privat eingerichtet haben. Wenn Politiker ihren Staat als Spielzeug benutzen dürfen, Bauprojekte anordnen, wie es ihnen beliebt, kommt so etwas wie der Palast des Volkes in Bukarest heraus, angeblich nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Aber waren die Kathedralen im Mittelalter weniger irre Objekte?

Die Allee, die zum Palast führt, wurde auf Ceausescus Anordnung ein paar Zentimeter breiter als die Champs Elysées angelegt – von solchen Gestaltungsmöglichkeiten träumt doch jeder deutsche Bürgermeister. Andrei Ujica hat 1992 mit Harun Farocki „Videogramme einer Revolution“ herausgebracht, eine Dokumentation, die den Sturz des Ceausescu-Regimes rekonstruiert. Atemberaubend Ceausescus Verblüffung, als das Volk bei einer seiner Reden zum ersten Mal dazwischenrief. Möglich, dass die Securitate diese Veranstaltung inszeniert hat, um sich seiner zu entledigen. Die Bilder vom Militärprozess gegen ihn soll Saddam Hussein sich oft angesehen haben. Dass ausgerechnet die Minuten der Erschießung fehlen, war eine Steilvorlage zur Mythenbildung.

Für „Autobiografia Lui Nicolae Ceausescu“ hat Ujica drei Stunden Propagandafilme über Ceausescu montiert. Er meint, Diktatoren seien wie Künstler, die alle Freiheiten haben, ihr Ego auszuleben; was dabei herauskommt, hängt von ihrem ästhetischen Niveau ab. Ceausescu, sagt man in Rumänien, soll verrückt geworden sein, als er in Nordkorea Massenaufmärsche sah. Das wollte er auch haben. Für einen Schusterlehrling, dessen Vater Trinker war und im Rausch einen zweiten Sohn ebenfalls Nicolae genannt hat, hat er es weit gebracht. Jochen Schmidt

„Autobiografia Lui Nicolae Ceausescu“, 4. Dezember 16 Uhr im Kino Babylon-Mitte. Danach Gespräch mit dem Regisseur.

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