Was machen wir heute? : Ein Gefühl rehabilitieren

Marc Neller

Ein Buch, ein Film, ein Gespräch in der Küche eines Freundes tief in der Nacht. Inzwischen gehört der Feierabendstau in diese Reihe.

Es hat sich angekündigt. Erst dieser Roman, tags darauf der Stau und jenes Lied im Autoradio. Der Fahrer des Wagens, der im Stau steht, ist plötzlich angeweht von Melancholie. Ich hatte sofort das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Melancholie ist ein großes Thema, immer gewesen, auch wenn selten jemand explizit darüber spricht. Teile der Gesellschaft üben sich gerne in der Pose der Melancholie, ganze Industriezweige leben gut davon. Menschen komponieren oder hören melancholische Lieder, schreiben oder lesen melancholische Bücher und besuchen Kunstausstellungen, in deren Titel das Wort Melancholie vorkommt etc. Trotzdem hat die Melancholie ein Imageproblem.

Ich versuchte, mit meinem Freund M. darüber zu sprechen. Midlife-Crisis?, fragte er. Ich dachte an Hippokrates von Kos, antike Humoralpathologie, lange v. Chr.; H. hat melancholia als Überschuss an verbrannter Galle erklärt. Daran, dass die Melancholie später doch eine steile Karrierre hingelegt hat. Von der Geisteskrankheit zum göttlichen Wahnsinn, Genie-Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts. Als Krankheitsbild hat sie ausgedient. Es gibt jetzt Depressionen.

M. spottete, ich sagte nichts. Mir fiel der Abend mit meiner Frau ein, die damals noch nicht meine Frau war. Wir saßen bei einer Flasche Wein, ich erzählte ihr von dem Roman eines irischen Autoren, den ich gerade gelesen hatte, und sagte, ich sei seither etwas melancholisch. Nicht dass ich einen fassbaren Grund hätte, schöntraurig zu sein, nur …

Nur was? Der Ton verrutschte ihr ins Schrille. Sie entschuldigte sich. Sie sagte, Melancholie klinge nach Verzweiflung. „Es passt nicht zu dir.“ Und nach einer Pause, zögerlich: „Gibt es eine andere?“ Vielleicht ist es die Kombination Mann/Melancholie, die ein Imageproblem hat. Marc Neller

Melancholietipps für Fortgeschrittene. „Nachts unter der Steinernen Brücke“, Leo Perutz (Roman). „Cautioners“, Jimmy Eat World (Popsong), „5x2“, Francois Ozon (Film).

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