Was machen wir heute? : Ein Kuriosum besuchen

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann.

Brigitte Grunert

Vor langer Zeit war es, vor ungefähr 40 Jahren, als die heutige Rentnerin von dem sagenhaften Berliner Mietshaus hörte, durch das die U-Bahn rollt. Natürlich fühlte sie sich vergackeiert. Wer kann sich schon ein Wohnhaus vorstellen, das zugleich als Bahnstrecke dient. Es dauerte eine Weile, bis sie es glaubte, aber dann war sie all die Jahrzehnte neugierig auf das seltsame Haus Dennewitzstraße 2 nahe der Station Gleisdreieck.

Eine ummauerte Brücke quer über die Straße scheint an dem Haus zu enden; sie enthält die Gleisröhre, die mitten hindurchführt. Man sieht es dem Treppenhaus nicht an, dass alle paar Minuten die Hochbahn der Linie 1 durchrattert. Darüber liegen die Wohnungen in der zweiten bis fünften Etage. Neulich stand die Haustür offen, die Rentnerin schlüpfte hinein, eine halbe Ewigkeit hatte sie auf diesen Zufall gewartet. Gewiss, die Züge sind unüberhörbar, zumindest im Treppenhaus. Doch ein junger Mieter, der vorbeikam, meinte, er bemerke das Rauschen kaum noch. Eine Frau wohne immerhin seit 60 Jahren dort. Mitunter sei ein leichtes Vibrieren spürbar, aber nicht etwa so, dass die Tassen und Tische wackeln. Tausende passieren täglich das unscheinbare rote Haus, das der BVG gehört. Bald dahinter fällt die Hochbahnstrecke in Richtung Kurfürstenstraße ab, bis sie unter der Erde verschwindet.

Seit anno 1915 reiften Pläne für eine Entlastungsstrecke zwischen Gleisdreieck und Nollendorfplatz, die 1924 eröffnet wurde. Und der Idee, die Hochbahn direkt durch das im Wege stehende Haus Dennewitzstraße 2 zu leiten, statt es, wie zunächst vorgesehen, abzureißen, haben wir ein Kuriosum zu verdanken.

Die Viadukte der Hochbahn wurden als Lagerräume genutzt. Ende der neunziger Jahre nahm sich der Stadtteilverein Tiergarten der mittlerweile verfallenen Örtlichkeiten an und gab den Anstoß zur Sanierung. Handwerker, Künstler und Anwohner haben hier nun seit 2001 ihre Werkstätten und ihre Freizeitoase. Eine kleine Idylle ist zu besichtigen, wunderbar für die Kinder. Brigitte Grunert

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