Was machen wir heute? : Ein Portal besuchen

Wie eine Rentnerindie Stadt erleben kann

Brigitte Grunert

Der Palast der Republik ist weg, dem Stadtschloss steht nichts mehr im Wege. Pünktlich mit dem Ende der Abrissarbeiten kam zum Advent die Verheißung, wie das wiedererstehende Schloss nach dem Entwurf des Italieners Stella aussehen soll. Noch aber bestaunen und fotografieren Passanten die riesige Kraterlandschaft, die der DDR-Palast hinterlassen hat. In der weiten Leere des Platzes fällt das Schlossportal mit seinen vergoldeten Balkonen am Staatsratsgebäude besonders auf. Die Rentnerin fragte sich immer, was angesichts der Schlossrekonstruktion mit diesem Portal geschehen würde, ob es an seinen ursprünglichen Platz zurückgebracht werde. Keiner redete darüber, bis sie neulich einen der Juroren im Rundfunk sagen hörte, nein, das Portal werde bleiben, wo es ist. Das Staatsratsgebäude steht ohnehin seit 1993 unter Denkmalschutz.

So wird das Schlossportal Nummer IV, das Eosander von Göthe nach dem Muster des Portals Nummer V von Andreas Schlüter schuf, wohl eines Tages doppelt zu besichtigen sein. Na schön, schließlich wurde am 9. November 1918 auch die Republik zweimal ausgerufen. Scheidemann tat es an einem Fenster im Reichstag („Es lebe die Republik!“). Nachmittags rief dann Liebknecht die „sozialistische Republik“ aus, und zwar auf dem unteren Balkon des Schlossportals Nummer IV, dem „Lustgartenportal“ (weil es sich zum Lustgarten öffnete). Nur deshalb wurde das Portal gerettet, als Ulbricht 1950 das Hohenzollernschloss sprengen ließ.

Dieses einzige Schlossrelikt kam als „Karl-Liebknecht-Portal“ an der Fassade des Staatsratsgebäudes zu Ehren, das, wieder eine Ironie der Geschichte, am 3. Oktober 1964 seiner Bestimmung übergeben wurde. Hier walteten die Staatsratsvorsitzenden Ulbricht, Stoph, Honecker, sowie, in den Wendewirren, Krenz und Gerlach ihres Amtes. Ganz echt ist das alte Schlossportal übrigens nicht. Wegen der Kriegsschäden waren so viele Teile auszubessern beziehungsweise zu ergänzen, dass nur zu einem Fünftel vom Original die Rede ist. Brigitte Grunert

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