Was machen wir heute? : Eine behagliche Auszeit nehmen

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Plümper

Der Fernsehturm ist im Nebel verschwunden, Nieselregen, Schneematsch. Auf den Stufen des Knoblauchhauses entfernt ein Mitarbeiter das Eis und warnt den Künstlerfreund und den Rentner, nicht auszurutschen. Beide frösteln. Aber dann ist es warm im Hause, der Eintritt ist frei. Plötzlich sind sie aus der Zeit gefallen, sind mit einem Ruck in der Biedermeier-Welt. Der Künstlerfreund setzt sich auf einen Stuhl vor ein Fenster, und nun sieht er aus, als wäre er von Kesting, dem Freund von C. D. Friedrich, gemalt: ein hoher, aber trotzdem kleiner Raum, sparsam möbliert, ein geraffter Vorhang und der Blick aus dem Fenster. Es ist behaglich und gemütlich, all das, was beide früher spießig fanden und jetzt genießen.

Ausführlich wird die Dynastie Knoblauch dargestellt. Der Berühmteste ist der Eduard, der Erbauer der Synagoge in der Oranienburger Straße. Er baute auch das Haus in der Poststraße um. An den Wänden hängen solide gemalte Bilder, meist Porträts. Das Museum atmet noch immer das Behagen im Privaten. Hier ist noch nichts auf protzige Repräsentation hin ausgerichtet wie im späten 19. Jahrhundert mit seinen mächtigen neubarocken Schränken und Anrichten. Die Räume sind bescheiden ausgestattet: Wohlanständigkeit im Zeitalter der Reaktion. In Vitrinen liegen aufwendige Nadelbüchsen und Nadelkissen für die Hausfrau und außerdem viele Gegenstände des täglichen Lebens der Zeit. Die Freunde lesen die rührende, gefühlige Beschreibung eines Knoblauchs von seinem „heiteren Hochzeitstag“, als die Braut wünschte, dass seine verstorbenen Eltern dabei sein könnten. „Ach, liebes Mädchen, wo ihre seeligen Geister auch sein mögen, sie werden sich freuen über ein Bündnis, durch das Du mir geschenkt wirst.“

Der sorgsame Mitarbeiter des Hauses warnt die beiden noch einmal vor dem Eis auf den Stufen, und dann: Nebel, frostige Kälte, Schauder und Schneematsch.

Museum Knoblauchhaus, Poststraße 23 in Mitte, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr, Eintritt frei

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