Was machen wir heute? : Eine Fernbeziehung führen

Jochen Schmidt

Eigentlich führe ich mit Berlin nur noch eine Fernbeziehung, man sieht sich meist nur für ein paar Tage. Nach zwei Wochen China das betörende Grün der Bäume vor meinem Fenster, solche herrlichen Farben, und alles umsonst! In Peking verschwinden die unzähligen Bürotürme die meiste Zeit im Smog. Beschämt denke ich an meine Klagen angesichts der Gentrifizierung meiner Heimatbezirke in Ost-Berlin, denn die Skyline von Shanghai hat vor 20 Jahren noch nicht existiert.

Man kann als Chinese von Glück sagen, wenn man über den Abriss seines Hauses 1-2 Wochen vorher informiert wird. Niemand streikt gegen Studiengebühren, aber es gibt junge Leute, die in Büschen leben und heimlich Vorlesungen besuchen. Die Menschen sind zwar viel höflicher als in Berlin, aber es sind auch sehr viele, es kommt vor, dass man von Helfern in die U-Bahn gestopft werden muss. Berlin ist dagegen ein Kurort, hier haben sogar Fahrradfahrer Rechte, und man kann sein Rad ein paar Tage unbenutzt draußen stehenlassen, ohne dass es hinterher aussieht wie vom Bäcker mit Mehl bestäubt.

Während in China die wenigen Nackt-Hefte an den Kiosken so züchtig aussehen wie damals in der DDR, ist in Berlin schon die H&M-Werbung hardcore. Hier Bauarbeiter, die noch in ihrer Freizeit brüllen, als müssten sie einen Zementmischer übertönen, dort ihre chinesischen Kollegen, die Stadtviertel hochziehen, gegen die der Potsdamer Platz eine Spielzeugburg ist, und dabei immer lächeln. Und nachts in Gruppenzelten auf dem Bürgersteig schlafen, auf dem kein Hund seine Spuren hinterlassen hat. Die alten Leute kommen eher mit Vogelbauer in den Park, um ihn an einem Ast aufzuhängen und mit Wasser und langen Pinseln bedächtig Schriftzeichen auf den Boden zu malen. Dafür vermisst man Graffiti an den Wänden. Beide Welten haben ihre Reize, es wäre dumm, sich zu früh zu binden. Jochen Schmidt

Für chinesische Momente in Berlin: Essen bei „Ming-Dynastie“, Brückenstraße 6a, Mitte, gegenüber der chinesischen Botschaft

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