Was machen wir heute? : Eine Ich-BVG gründen

Till Hein

Zum Beispiel dieser Streik bei der BVG: Da kämpfen Gewerkschafter um mehr Lohn für Angestellte. Gut so! Doch viele BVGler haben bereits recht humane Verträge. Andere Leute hingegen arbeiten für eine Handvoll Euros als Schauspieler – und verdienten jetzt zwei Wochen lang gar nichts, weil niemand zu den Vorstellungen kommen konnte ohne U-Bahn. Es trifft im Leben oft die Falschen.

In Basel hatten wir an der Schule noch Religion. Unsere Lehrerin bemühte sich um eine jugendgerechte Vermittlung der biblischen Geschichten. Wir lernten, dass Abraham „einen Spleen hatte“. Manchmal kamen wir verkleidet zum Unterricht, und ein Mitschüler im Blaumann fragte die Lehrerin: „Ist bei Ihnen eine Schraube locker?“ Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Das war ethisch nicht okay.

Berliner Schüler haben seit 2006 das Fach „Ethik“. Und da die Kurve zu kriegen, bedeutet eine Herausforderung. Faustregel ist der Kategorische Imperativ Kants: „Handle stets so, dass du zugleich wollen kannst, dass die Maxime deiner Handlung allgemeines Gesetz werde.“ Einfacher gesagt: „Was man selbst nicht kriegen will, sollte man auch niemand anderem geben!“ Wenn sich alle daran halten würden, wäre es viel schöner auf der Welt – möchte man meinen. Doch leider wollen viele Menschen ganz andere Dinge (nicht) als ich. Alle, denen ich Bernd Begemann empfohlen habe, fanden seine CDs zum Beispiel „enttäuschend“. Ich muss also künftig Musik verschenken, die ich nicht mag, dann freuen meine Freunde sich. Und ethisch korrekt zu leben, ist sogar noch anspruchsvoller: „Ein Sadist“, weiß Paul Watzlawick, „ist jemand der lieb zu Masochisten ist.“ Verwirrend.

Manchmal scheint mir, dass man nur als Masochist glücklich werden kann auf dieser heimtückischen Erde. Mein Kollege M. sieht das allerdings anders. Als neulich die U-Bahnen nicht fuhren, sagte er nur: „Lass uns eine Ich-BVG gründen!“ Ein starker Charakter. Wie geschaffen für Berlin. Till Hein

Falls die U-Bahn mal wieder kommt: www.berlin-buehnen.de

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