Was machen wir heute? : Eine Lockerungsübung

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Till Hein

Meine Nichte schwärmt jetzt für Prinzessin Lillifee, dieses rosafarbene Kitschmonster – Hölle, Hölle, Hölle! Aber mit einem Lillifee-Buch zu Weihnachten könnte ich punkten. Mit spitzen Fingern greife ich eines der Lillimonster-Bücher aus dem Kaufhausregal. Soll ich über meinen Schatten springen?

„Geschenke mit pädagogischem Hintergedanken gehen gar nicht“, sagt M. Seine Mutter habe ihm nach einem Besuch in seiner WG den Bildband „Schöner Wohnen“ geschenkt. Meine Mutter schenkt mir immer Geld, versuchte ich ihn aufzumuntern. „Ich bin jetzt 40“, sage ich dann, „und kann selbst für mich sorgen!“ Meine Mutter antwortet „Ja, ja“ und schickt bei der nächsten Gelegenheit wieder Geld. Dann werde ich sauer. Y. sagt, das sei unreif. Wieso ich mich nicht einfach freue, schließlich könne ich das Geld doch gebrauchen. Dann werde ich richtig sauer. Geld geht noch viel weniger als Pädagogik!

Aber darf man Geschlechterrollenklischees zementieren? Ich wurde im progressiven Basler „Kinderhuus“ sozialisiert. Da gab es keine Lillifeen für die Mädchen. Wie wir Jungs wurden sie mit dem „Anti-Struwwelpeter“ aufs Leben vorbereitet. Wir tanzten nackt im Garten und rissen mit Hämmern Mauern ein. Unsere Helden waren Robin Hood oder die Rote Zora. Wir lernten, dass Autos menschenfressende Ungeheuer sind.

20 Jahre später habe ich einige ehemalige Kommilitonen für eine Radiosendung interviewt. D., der inzwischen bei einer Großbank arbeitet, sagte, es sei eine gute Zeit gewesen, damals im „Kinderhuus“. „Im Kontakt mit externen Stellen, sprich Kunden, muss ich heute auf die Etikette achten“, erklärte er. „Aber gegenüber internen Stellen kann ich noch immer locker sein.“

Ich kann manchmal auch locker sein!, dachte ich. Zack!, warf ich das rosa Lillimonster-Buch in den Einkaufskorb. Und für meinen Neffen kaufte ich ein Buch über riesige Autos. Die liebt er ganz besonders. Soll keiner sagen, ich sei pädagogisch! Till Hein

Helden von gestern: Kurt Held: „Die rote Zora und ihre Bande“, ab 6,95 Euro.

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