Kultur : Was machen wir heute?: Eine neue Erfahrung

Daniel Haaksman

Ich habe dieses Wochenende keine Lust auszugehen. Nicht schon wieder, werden Sie vielleicht denken, aber ich habe persönliche Gründe. Letztes Wochenende, kurz vor Mitternacht, bin ich mit zwei Freunden am Wasserturmplatz angepöbelt worden. Wir waren gerade auf einem Weg zu einer Party des Jeans-Teams in der Galerie Mainblau, als uns zwei Fußball-Fans entgegenkamen. Mit ihren blauweißen Schals und Strick-Mützen waren sie sehr lustig anzusehen. Meine Freundin Milla lachte laut auf, aber nicht wegen des Outfits der beiden, sondern weil ich zufällig gerade von einer Szene aus dem Film "Oh Brother Where Are Thou" erzählt hatte, die mit dem brennenden Kreuz, das auf die Ku Klux Klan-Leute fällt. Das Lachen haben die beiden Blau-Weißen persönlich genommen. Anfangs stänkerten sie noch herum, so wie Leute eben herumstänkern, die Streit suchen. Als sie aber herausfanden, dass mein polnischer Freund Dariusz, der mit von der Partie war, nur gebrochen deutsch spricht, folgten wüsteste Beschimpfungen. Was er denn in Deutschland wolle und dass er doch erstmal richtiges Deutsch lernen sollte, bevor er mit ihnen rede, meinte einer der beiden. Wir waren wie paralysiert. Schläge wurden uns angedroht. Dariusz wurde an ein Auto geschubst. Hätte einer der beiden Dariusz geschlagen, wäre ich wahrscheinlich blind auf ihn losgegangen. Doch nur wenige Augenblicke später war der Spuk überraschend vorbei. Von der gegenüberliegenden Straßenecke kamen drei dunkel gekleidete Typen, sagten kurz, "Ihr Hertha-Dödel verpisst Euch jetzt mal schnell von hier!", und weg waren die ausländerfeindlichen Hertha-Dödel. Die drei Retter waren ebenso schnell verschwunden wie sie aufgetaucht sind. Meine Freunde und ich starrten uns nur ungläubig an. Wir waren fassungslos. Es war fast so, als wäre das ganze Geschehen eine kurze, hässliche Unterbrechung des Abends gewesen und jetzt wäre wieder alles gut. Pustekuchen! Wir sind danach noch auf die Party in die Galerie Mainblau gegangen, aber keinem war mehr nach Feiern zumute, obwohl DJ Lord Fried Rich eigentlich super Musik spielte. Eine halbe Stunde später sind wir nach Hause. Ich habe schlecht geschlafen. Am nächsten Tag rief mich Milla an und weinte am Telefon. Mir ging es kaum besser. Resigniert stellten fest, wie hilflos wir uns verhalten hatten. Heute ist mir klar, dass wir an diesem Abend aus einem Elfenbeinturm gefallen sind. Ich hatte bis dahin noch nie eine Situation erlebt, in der einer mir bekannten Person ausländerfeindliche Parolen an den Kopf geworfen wurden, aber dieses Ereignis machte klar, dass solche Übergriffe heute einfach jedem und überall passieren können. Auch am Wasserturmplatz in Prenzlauer Berg. Es reicht schon ein gebrochener Akzent. Was ich dagegen unternehme, weiß ich noch nicht, ich hoffe nur, dass Hertha heute verliert - damit sich die beiden Blau-Weißen von letzter Woche wenigstens dieses Wochenende nicht so stark fühlen.

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