Kultur : Was machen wir heute?: Einen DJ großziehen

Heike Jahberg

Eigentlich hassen wir die Love Parade. Kaufkraft hin, Lebensgefühl her - als wohl meinende Eltern, die im Interesse ihrer Kinder auf eine nachhaltige Lebensführung bedacht sind, wissen wir: Erst wenn das letzte Bäumchen im Tiergarten dank Raver-Pipi weggeätzt ist, werdet Ihr sehen, dass man Geld nicht essen kann. Im Interesse von Linden und Liguster: Stoppt den Techno-Wahnsinn!

Wäre da nicht unser Sohn Tom. Tom ist fünfeinhalb und hat bislang wenig Talente erkennen lassen, die seiner Altersgruppe angemessen wären. Schwimmen lernen will er nicht, weil die Haare keinesfalls nass werden dürfen. Statt wie seine Spielgefährten auf das Fahrrad umzusteigen, bleibt unser Sohn beharrlich bei seinem Roller. Bei Fuß- oder Handball versucht er konsequent und höchst erfolgreich, dem Ball auszuweichen, und den Zeichenstift traktiert er wie einen Faustkeil.

Toms Begabungen liegen auf einem anderen Feld - der Musik. Nicht dass er Flöte spielen könnte oder Klavier, Toms Medium ist der CD-Player. Innerhalb kürzester Zeit weiß er auswendig, an welcher Stelle welcher Titel auf welcher Platte zu finden ist. Wären wir auf Ruhm und Ehre aus, längst könnte das Kind Wettkönig sein bei "Wetten, dass ...". So aber geben wir nur leicht verschämt mit gelegentlichen Auftritten im engsten Freundeskreis an, und erlauben dafür im Gegenzug, dass Tom und sein Kinderbesuch unser Bett als Trampolin missbrauchen, quietschend und kreischend zur elterlichen CD-Sammlung hopsen. Dabei stört sie nicht, dass der Musikgeschmack unseres Sohnes immer ausgefallener wird. Die Beach Boys sind mit ihrem "Pet-Sounds"-Album genauso Schnee von gestern wie "Die Ärzte". Tote Hose ist auch die gleichnamige Kapelle aus Düsseldorf. Längst ist das Kind zu Techno- und Dance-Musik übergewechselt - und zu Avantgarde-Bands. Getanzt und gehüpft wird bei uns zu Haus nach den schrägen Songs der "Residents", auf deren "Commercial Album" kein Stück länger als eine Minute dauert - in diesem Fall ein wahrer Segen. Kurzum: Wenn DJ Tom auflegt, ist bei uns mächtig was los.

Da der Junge aber auch was Ordentliches lernen soll, geht er seit einigen Monaten zur musikalischen Vorschulerziehung. Dort singt er, trommelt, tanzt und versucht, erste Noten an die Tafel zu malen. Mit mäßigem Erfolg. Dafür unterhält er seine Mitschüler dem Hörensagen nach mit selbst erfundenen Liedern und Schwänken aus der Nachbarschaft.

Uns ficht das aber nicht an. Wir wissen: In unserer heutigen Zeit verdienen nicht die Virtuosen das große Geld, sondern die Verwerter. Wie Tom eben. Und weil das Kindergeld uns nicht zu Reichtum und Wohlstand verhilft, muss die Love Parade überleben - noch mindestens 13 Jahre, bis Tom endlich hoch auf dem gelben Wagen mitfahren kann. Auch wenn dann im Tiergarten kein Baum mehr steht.

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