Was machen wir heute? : Einen Jelinek-Text finden

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Anselm Neft

Mit der dunklen Jahreszeit endet im Kino das Sommerloch. Es werden wieder Knaller gezeigt. Beim neuen Tarantino nicke ich allerdings ein und träume schwer von einem Film aus den Siebzigern: „Ilsa, She-Wolf of the SS“.

„Das Mainstream-Kino entrealisiert, überdreht oder ironisiert Gewalt“ sagt der Regisseur Michael Haneke und packt damit auch den vergleichsweise zahmen „Inglorious Basterds“ am Schlafittchen. Hanekes neuer Film zeigt eine Welt wie sie Papst Benedikt, Peter Hahne, Udo Di Fabio und Bernhard Bueb vorschweben mag, wenn sie von verlorenen Werten und Disziplin raunen: Familien sind noch Familien, Männer Männer, Frauen Frauen, oben oben und unten unten. Dem im Menschen angelegten Schlendrian wird durch konsequente Erziehung ein Riegel vorgeschoben, und es wird noch ordentlich gegrüßt. Danach ist mir schlecht, aber der Film ist toll.

Lars von Trier ist ganz anders aufgewachsen: liberal, kommunistisch, nudistisch: Der Mensch und seine Triebe sind von Natur aus gut, wenn man sie nicht unterdrückt. Nun hat der dänische Sonnenschein mit „Antichrist“ einen Film für die ganze Familie gedreht, auch wenn zugegebenermaßen die Identifikationsfigur für die ganz Kleinen sehr früh entfällt. Ein typisches SPD-Paar (Mann alt, Frau jung) fährt zum Chillen in eine Hütte im Wald. Wie bei den meisten Intellektuellen beginnt auch dieser Paarausflug im Glauben an Gleichberechtigung, Aufklärung und Therapie und endet mit gnostischem Weltekel, Hexenwahn und sprechenden Tieren. Wer kennt es nicht?

Ein grandioser Film. Ich schaue im Internet, ob Elfriede Jelinek dazu geschrieben hat, ist sie doch Filmfreundin von ausgesuchtem Geschmack. Tatsächlich finde ich den Hinweis: In der Zeitschrift „Cargo“ steht der Aufsatz. Wo bekomme ich die nun her? Ob es in Berlin einen Laden gibt mit Hunderten von Zeitschriften zu allen Interessengebieten? Das wäre schön. Anselm Neft

Do you read me?! Magazine und Lektüre der Gegenwart, Auguststraße 28 in Mitte.

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