Was machen wir heute? : Einen Nerz versetzen

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Irgendwie hat jetzt das große Aufräumen begonnen, eine Frühjahrsputzentsorgungsakion. Man dreht und wendet dies und jenes, und am Ende steht, hängt oder liegt das Ding wieder da, wo es hergekommen ist. Man will und kann sich nicht davon trennen. Gewohnheit? Nostalgie? Gefühle? Ehrfurcht? Mutmangel? Laut einer Umfrage über das Wegwerfverhalten der Deutschen können sich über 40 Prozent nicht von Büchern trennen, obwohl die niemand mehr liest. Aber ein Buch ist ein Schatz an Geist und (manchmal auch) Geduld, es ist ein Produkt der edlen schwarzen Kunst, an ihm hängen Erinnerungen an ein Geschenk und an längst vergangene Freunde. Also, die Bücher bleiben da. Aber 67 Prozent der Befragten schmeißen Liebesbriefe weg. Gefühle verschwinden im Container, aber nicht bei mir. Ich gehöre zu den anderen 33 Prozent und mache vielleicht demnächst mal ein Buch aus dem Stoff der Liebesliteratur.

Beim Aufräumen kommt uns plötzlich ein Pelzmantel entgegen: ein Traum von Nerz, jeder, der ihn probiert, schaut aus wie Bayerns König Ludwig oder Gräfin Cosel im Schnee. Doch wer möchte heute noch solch edles Erbstück tragen? Keiner will den Nerz, der einstmals am schlanken Leib von Tante Hanna die Granden von Venedig entzückt hatte. Er riecht noch nach Chanel, und nun schlägt sein letztes Stündlein. In der Zeitungsannonce zahlen sie Höchstpreise für Pelze, dieser hier hat mal ein paar tausend Mark gekostet, D-Mark, Westmark!

Nun stehen wir in einem Antiquitätenladen voller Möbel, Gemälde und Meißner Porzellan, der Chef spricht: „Schönes Stück, aber zu schwer“. Dann schmeißt er den Nerz lässig in die Ecke und fragt: „Wie viel dachten Sie?“ Als Antwort auf unsere Vorstellung blickt er sehr ernst: „Vielleicht wird noch ein Cape daraus: hundert Euro“. Wir denken an Tante Hanna, stöhnen auf und murmeln: Arrivederci Pelz. Das war’s. Lothar Heinke

Wie ein Museum: Westend-Antiquitäten, Uhren, Pelze: Pommernallee 1.

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