Was machen wir heute? : Einen Punk treffen

Till Hein

Mein alter Schulkumpel N. hatte einen Iro-Haarschnitt und wusste alles über Anarchie. Im Sommerurlaub legte er sich in Kampfstiefeln und Lederjacke an den Strand, während wir im Meer plantschten. N. war Punk. Wir haben ihn alle sehr bewundert.

Doch die Zeiten ändern sich und die Anarchos in ihnen. Inzwischen soll N. bei einer Großbank arbeiten. Gut möglich. „Punk ist, wenn man mit dem Porsche gegen einen Baum fährt“, habe ich neulich gelesen, „und anschließend ganz lässig aussteigt.“

In Berlin allerdings scheint auch die Billigvariante überlebt zu haben. An zahllosen Kreuzungen stehen die bunthaarigen Menschen mit Hunden und Bierdosen und putzen lässig die Scheiben von Porsches und VWs. Und sie erobern auch andere Verkehrsmittel: Kürzlich traf ich im Zug einen streng riechenden Jüngling mit Iro. „Punk sein, bedeutet Kampf!“, dozierte er. Er habe bereits Häuser in Österreich, Deutschland und Liechtenstein besetzt. Der ICE ist gewissermaßen sein Dienstfahrzeug.

Sein bester Kumpel sei schon Anfang 60 und noch immer Punk. Nur mit dem Irokesenschnitt gebe es Probleme, wegen des Haarausfalls. Aber der Protest gegen die Spießer müsse weitergehen!

Irgendwie hatte ich immer Sympathien für Leute, die eine Alternative zum System der Ausbeutung und zum bürgerlichen Leben suchen, dachte ich, als der Jungpunk endlich ausgestiegen war.

Mit meinem Basler Schulfreund A. wärmte ich später die alten Zeiten auf: An der Uni haben wir, Billig-Punks im Geiste, jahrelang die Karrieristen in Anzug und Krawatte ausgelacht, die Wirtschaft oder Jura studierten. „N. arbeitet ja jetzt auch bei einer Bank“, sagte A. bitter. Wir schwiegen. „Immerhin wir beide sind unseren Idealen treu geblieben“, sagte A. schließlich: „keine Karriere.“ Ich versuchte ein Lächeln und er holte noch zwei Bier aus dem Kühlschrank. Punk’s not dead! Till Hein

Weitere Informationen zur Thematik: Jackie Niebisch: „Der kleene Punker aus Berlin“, Rowohlt 1985, erhältlich über amazon.de.

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