Was machen wir heute? : Einen Trend setzen

Kirsten Wenzel

Zu lesen, was über die Stadt geschrieben wird, bereitet der Neu-Berlinerin zuweilen – aber nur zuweilen – ein geradezu körperliches Wohlbefinden. Wahnsinn, wie angesagt die neue Heimat ist! Auch wenn Böswillige unablässig über die modische Rückständigkeit der Berliner lästern, im Leitmedium der internationalen Travellerszene „Lonely Planet“ steht es schwarz auf weiß: „In punkto Mode, Kunst, Design und Musik ist die deutsche Hauptstadt zur Zeit die Stadt überhaupt.“ Ein Kessel kultureller Coolness, den man, wenn überhaupt, nur mit New York der 80er Jahre vergleichen könne. Wie gesagt: Wow!

Wohin es führen kann, sich von Mitteilungen dieser Art beeindrucken zu lassen, war erst vor kurzem auf dem Südwestkorso zu besichtigen. Typische Neu-Berliner Metropolen-Euphorie plus Frühlingswetter hatten die Neu-Berlinerin dazu verleitet, ihre sehr eleganten Stiefel mit den hohen Absätzen anzuziehen – und auch damit herumzulaufen.

Eine ganze Weile ging es gut. Mühelos sprang sie leichtfüßig über die Boulevards der Upper Westside, sandte mild- verächtliche Gedanken in Richtung Paris, London, Tokio. Und irgendwann begann sie, nach Taxis Ausschau zu halten. Vergeblich. Auch den Bus hätte sie genommen, doch die Haltestelle lag in unerreichbarer Ferne. Keinen Schritt weiter, sagten die Füße. Was nun?

Schon wollte sie sich erschöpft auf das kalte Februarpflaster legen. Da erbarmte sich eine höhere Macht, vermutlich eine Art Berliner Lokalgott (noch mal: Wow!), und zauberte einen Secondhandladen an den Wegesrand. Sie humpelte hinein und entdeckte ein Paar sehr grobe, sehr dunkelbraune und sehr bequeme Boots. Es waren die einzigen Schuhe in ihrer Größe. „Sehen super aus zu dem Kleid“, sagte die Verkäuferin. „So trägt man das jetzt.“ Der Schmerz ließ nach, und schon war wieder ein Trend gesetzt, in Berlin, der magischen Hauptstadt der Mode. Kirsten Wenzel

Setzen auch Sie Trends: „Secondo“, Südwestkorso 10. Die Schuhe in Größe 39 sind allerdings ausverkauft.

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