Kultur : Was machen wir heute?: Einen Volkspark anlegen

Markus Huber

Wer noch nicht daran glaubt, dass es endlich Frühling ist - hier ein Tipp: Man gehe in die Oranienburger Straße in Mitte, setze sich auf eine Heurigenbank vor der Cantina "Las Cucarachas" und bestelle ein Chili. Das ist so scharf, dass man nicht nur den Frühling, sondern auch gleich den Sommer in sich spürt. Nach 22 Uhr sich aber bitte leise verhalten. Ich wohne direkt über dem Lokal.

Ich persönlich erkenne den Frühlingsbeginn daran, dass die Mutter meiner Tochter zunehmends unruhiger wird. Sobald das Thermometer die Zehn-Grad-Grenze überschritten hat, will sie raus ins Grüne, Sonntag für Sonntag, und immer müssen es lange Spaziergänge durch irgendwelche Volksparks sein, in denen man die Bäume vor lauter Baustellen nicht sieht. Sie findet das, Gott weiß warum, idyllisch. Weil ich aber eher ein Fan der Mantel & Degen-Filme aus F/It/Dtld der späten 60er bin, und die mittlerweile fast ausschließlich Sonntag nachmittags auf Kabel 1 laufen, hatten wir lange ein Problem. Der kleinste gemeinsame Nenner war die Anmietung eines Eigenheims mit Terrasse. Vor allem, weil ich dafür gesorgt habe, dass man den Fernseher eben dorthin rollen kann.

Kürzlich wackelte der Balkon-Kompromiss aber kräftig, und das lag an der Mutter meiner Tochter, die schrecklich inkonsequent ist. Die Berliner Volksparks findet sie nämlich idyllisch, weil die wie eine Baustelle aussehen - die Terrasse findet sie aber ganz und gar nicht idyllisch, weil sie wie eine Baustelle aussieht. Wer soll das verstehen? Und - was soll man da machen? Richtig - bepflanzen.

Das klingt zwar einfach, ist es aber ganz und gar nicht. Meinen Vorschlag, die ganze Terrasse mit Thujen vollzuramschen, fand sie geschmacklos. Auch die Idee, als Zitat einfach das ganze Jahr über einen Tannenbaum in voller Pracht auf den Balkon zu stellen, schmeckte ihr nicht. Also raus auf den Spandauer Damm, dorthin, wo ein Gartencenter neben dem nächsten liegt.

Auf den ersten Blick sieht es in diesen Geschäften aus wie auf einer griechischen Insel nach einem heißen, regenfreien Sommer. In langen Gängen reiht sich da eine verschrumpelte Pflanze an die nächste, und alle sehen so aus, als ob sie niemals dran denken würden, jemals auszutreiben. Dass es sich tatsächlich um ein Gartencenter und nicht um einen Volkspark handelt, erkennt man einzig und allein daran, dass keine Mischmaschinen zwischen dem Gestrüpp herumstehen. Die Verkäuferinnen behaupten aber trotzdem, dass die Pflanzen bei viel Liebe, Licht und Wasser irgendwann einmal mehr sein werden als das, was sie jetzt sind. Naja.

200 Mark habe ich dort liegen lassen, die für jeden Terrassengärtner obligatorische grüne Schürze noch gar nicht mit eingerechnet. Einen Kabel 1-Nachmittag habe ich auch schon geopfert (soviel zum Balkon-Kompromiss, Anm.), mit dem Effekt, dass meine Terrasse jetzt weiterhin aussieht wie ein Berliner Volkspark - auch ohne eine Mischmaschine. Am Abend gönnte ich mir im "Las Cucarachas" ein Chili.

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