Kultur : Was machen wir heute?: Einen Zoo planen

Heike Jahberg

Mädchen sind anders. Das liegt an den Genen. Eines Tages wird ein Wissenschaftler die entscheidende Entdeckung machen, die ihm Reichtum, Ehre und den Nobelpreis einbringt: Auf irgendeinem DNS-Strang wird er ein merkwürdiges Gen aus Metall und einer großen Schaufel vornedran isolieren, das Bagger-Gen. Das macht den Jungen aus. Das Mädchen-Gen ist ganz anders. Es hat ein weiches, plüschiges Fell, einen buschigen Schwanz und große Augen.

Unsere knapp zweijährige Tochte Linda liebt Tiere. Und das von Geburt an. Während sich der sechsjährige Tom in ihrem Alter den Kopf nach U-Bahnen, ICEs, Bussen und Baufahrzeugen verdreht hat, begrüßt Linda euphorisch jedes Tier, das ihr über den Weg läuft, hüpft, hoppelt oder kriecht. Ameisen sind ihr willkommen, Vögel, Kühe, Elefanten und Giraffen auch, aber ganz oben auf der Sympathieskala stehen Katzen, dicht gefolgt von Hunden. Die ersten Worte der Kleinen: "Mama, Papa, Kathe, Wau".

In ihrer Liebe ist die Kleine noch völlig unverblendet. Keine Katze kann sich ihren Annäherungsversuchen entziehen. Und auch die räudigsten, hässlichsten, fettesten Tölen werden angeschmachtet - sehr zur Freude ihrer Besitzer.

Dabei ist der Umgang mit den tierischen Geschöpfen keinesfalls gefahrlos. Lindas Liebesdienst, ihm ein Ziegenkäseröllchen näher an die Schnauze heranzurollen, dankte der Boxer unserer Freunde seiner Assistentin mit einem unfreundlichen Schnapper. Und das Nachbarskind musste kürzlich sogar ins Krankenhaus, nachdem ihn auf der Domäne Dahlem ein Hofschwein gebissen hatte. Weitaus ungefährlicher ist da der virtuelle Umgang mit Tieren. Der Tukan auf dem Bildschirmschoner, die Tierheim-Bewohner, die via TV ein neues Herrchen oder Frauchen suchen, die Ziegen aus dem Bauernhof-Riesenbilderbuch, Linda verehrt sie alle. Und hat schon früh lernen müssen, dass man die Katzen und Meerschweinchen aus dem großen bunten Kasten nicht streicheln kann - eine wichtige Lektion für den späteren, kritischen Umgang mit den Medien.

Plüschtiere sind da besser. Sie beißen nicht, sie treten nicht, und anfassen kann man sie auch. Leider hat das Kind einen teuren Geschmack. Vor allem die Produkte der Firma Steiff entzücken sie. Deshalb sind wir neulich in den Steiff-Shop am Kudamm gegangen, um ihr eine Freude zu machen und selbst ein bisschen Marktforschung zu betreiben. Das Ergebnis war niederschmetternd. Während wir Linda beharrlich zu den kleinen Eichhörnchen, Hamstern und Fledermäusen für immerhin stolze 100 Mark das Stück lotsen wollten, zog uns die kleine Tierfreundin unbeirrbar zu den Riesenviechern - Giraffe und Tiger für runde 5000 Mark pro Tier. Selbst wenn wir uns das leisten würden, eine maßstabsgerechte Giraffe sprengt die Möglichkeiten unserer Neubau-Schachtelwohnung.

Deshalb haben wir jetzt erst einmal Prospekte eingepackt. Bei Steiff? Nein, beim Makler. Für eine neue Wohnung - mit ganz hohen Decken.

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