Kultur : Was machen wir heute?: Einer Meinung sein

Bernd Ulrich

Eltern und Kinder leben, das ist hier schon mehrfach behandelt worden, in zwei völlig verschiedenen Galaxien. Merkwürdig ist dabei nur, dass sich diese Welten umso weiter voneinander zu entfernen scheinen, je älter, verständiger, sprachfähiger und erwachsener die Kinder werden. Zum Beispiel unsere Älteste und ich. Am letzten Donnerstag sind wir nach langem Drängen, von ihr natürlich, auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gegangen. Um das Ergebnis dieses Bummels kurz zusammenzufassen: Alles, was ihr dort gefallen hat (Pop-Bilder, billige Ohrringe, riesige Stofftiere), fand ich furchtbar. Alles, was mir erträglich vorkam (Nudeln vom Thailänder), interessierte Franziska rein gar nicht.

Anschließend besuchten wir dann den CD-Laden auf der Ecke, um ein bisschen Probe zu hören. Franziska ließ sich Jeanette Biedermann auflegen. Wer Jeanette Biedermann ist? Ich weiß es auch nicht. Ich hatte eine alte Platte von Kraan entdeckt. Kraan ist, nein war, eine deutsche Jazzrock-Kombo, die den Vorzug hat, dass sie mich sofort in meine Jugend zurückversetzt. Möglicherweise ist das sogar ihr einziger Vorzug. Meine Tochter und ich - zwei Welten.

Dann gingen wir zusammen ins Kino. Wohin? Wohin wohl. Natürlich in Harry Potter. Ich hatte beim Kollegen Martenstein gelesen, dass sich Erwachsene in dem Film nicht langweilen, dass er aber auch nicht richtig gut sei, vor allem weil er versucht, zu buchgetreu zu sein, und weil der Hauptdarsteller sich nicht zur Identifikation eigne. Ich war also einigermaßen skeptisch. Franziska hingegen war nur voller Vorfreude. Da waren wir beide also im selben Film, aber trotzdem schon wieder auf dem Weg zu zwei verschiedenen Welten. Sie saugte Fanta, ich trank Bier.

Dann begann der Film. Nun muss ich zu meiner Entschuldigung erwähnen, dass ich nur wenige Ausschnitte aus dem ersten Potter-Band (vor-)gelesen habe und darum den meist sehr störenden Buch-Film-Vergleich nicht hatte. Jedenfalls: Ich war von Anfang an begeistert. Natürlich rief ich mich zwischendurch zur Ordnung und dachte: na ja, ein bisschen vollgepackt mit Ereignissen, vielleicht zu buchgetreu das Ganze. Oder, dieser Harry-Potter-Darsteller, der riecht ja nach nichts. Um jedoch der Wahrheit die Ehre zu geben - mehr als drei Minuten Kritik habe ich während dieser drei Stunden Genuss nicht aufgebracht.

Und Franziska? Sie, versierte Potter-Kennerin und Verschlingerin aller vier Bände, nahm ihren unwissenden Vater bei der Hand, erklärte ihm die Figuren und warnte freundlicherweise: Gleich kommt was Gruseliges. Sie fand den Film wunderbar, der Buch-Film-Vergleich störte sie gar nicht, erst auf dem Nachhauseweg trug sie der Ordnung halber die kleineren Abweichungen nach. Während der Vorführung fing sie zwischendurch immer wieder an zu schnurren, ach ist das schön, Papa. Komisch, genau das, Töchterchen, dachte ich auch gerade. Tochter und Vater, eine Welt - Hogwarts.

Ja, und dann ging der Film zu Ende. Schade.

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