Was machen wir heute? : Eis essen

Die Sonne wärmt bis in die späten Abendstunden: Genau die richtige Zeit um entspannt eine Tüte Eis zu naschen.

Susanne Kippenberger

Neulich war ich bei einem älteren, knapp 100 Jahre alten Herrn, der mir erklärte, dass er Eiscreme für eine ganz und gar überflüssige Erfindung hält, denn „wenn es heiß ist, sollte man Heißes trinken“. Geradezu widerlich fand er eisschleckende Menschen, wobei er seine Abscheu äußerst anschaulich demonstrierte, indem er seine Zunge abstoßend aus dem Mund fallen ließ. „Grässlich!“ Ob ich etwa Eis möge? Ich musste ihm die süße Wahrheit gestehen: Ich mag’s nicht nur, ich liebe es: den Geschmack, die Konsistenz, die Kühle im Mund. Und am liebsten schlecke ich es aus dem Hörnchen. Gern gucke ich auch anderen dabei zu, vor allem Männern im Anzug. Die kriegen da so was Rührendes.

Als ich West-Berlinerin wurde, neun Monate vor dem Mauerfall, war die Stadt Eiscafé-Diaspora, provinzieller als die Provinz. Es gab nur Eis Hennig und sonst praktisch gar nichts. Zum Glück kam mit der Wende die Wende; nicht nur im kinderreichen Prenzlauer Berg, überall machen neue Cafés auf. Jetzt wieder eins in meiner Schöneberger Nachbarschaft mit dem passenden Namen „Sorgenfrei“. Das ist auch noch eingerichtet im Stil meiner Kindheit: mit Sesseln, Nierentischen und Porzellan aus den 50er, 60er Jahren. Die kann man auch fast alle kaufen. Ganz früher war der Laden eine Metzgerei, die alten Kacheln kleben noch an der Wand, zuletzt war hier ein Biokosmetikgeschäft. In dem hab ich mir einmal eine Gesichtscreme andrehen lassen, die so teuer war wie 50 Kugeln Eiscreme, aber erheblich schlechter roch.

Faulheit, Melancholie und Kultur sind die Begriffe, die in Berlin häufiger als irgendwo sonst im Land gegoogelt werden, hat das „Zeit“-Magazin letzte Woche ausgerechnet. Im Sorgenfrei kann man sich all dem hemmungslos und ohne Computer hingeben, an der frischen Sommerluft. Wie meinte ein Internetkritiker über das Café: „Verzückend!“ Genauso gucken selbst die Passanten bei dessen Anblick: heiter und verzückt. Susanne Kippenberger

Café Sorgenfrei, Goltzstraße 18; noch besseres Eis (aber schlechtere Sitzplätze) gibt’s bei Franken & Grunewald, Gossowstraße 6.

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