Was machen wir heute? : Eisern bleiben

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Eigentlich ist ja alles gesagt zum fußballverrückten Stadtderby zwischen der großen Hertha und dem etwas kleineren 1. FC Union. Aber ich muss noch was loswerden von diesem Nachmittag im Olympiastadion, über dem der Fußballgott schwebte und mit seinem rot-weißen Schal wedelte, dass ein Drittel des gewaltigen Bauwerks zu schwanken schien vor Siegestaumelei der Unioner zu beiden Seiten vom Marathontor. Ich saß gegenüber, zwischen lauter Herthanern, die nach ihrem 1:0 total aus dem Häuschen waren und laut überlegten, ob es am Ende fünf oder acht zu null stehen würde.

Doch schon beim 1:1-Ausgleich wurden sie unruhig, bedachten zunächst die eigenen Leute mit harscher Kritik (statt sie, wie es der Union-Anhang in solchen Fällen tut, nach vorn zu pushen), um dann, in wütender Pose mit nicht druckbaren Verbalattacken, auf die in jeder Beziehung roten Unioner aus dem Scheiß-Osten loszugehen. Nach dem 2:1 wurden die meisten der Stammtischstrategen immer kleinlauter, aber einige schrien wie wild, dass „die“ nach ’89 gebettelt hätten, hier zu spielen, und einer vermutete gar, dass der alte Stasi-Mielke wahrscheinlich mit seiner in Köpenick lagernden Kohle den Schiri bestochen hat oder dass Union sehr bald „noch in der fünften Liga“ von diesem 2:1 sprechen wird, „während wir inne Tschämpchenslieg sind“.

Vielleicht verführt solch gewaltiges Stadion Spieler und Zuschauer zu Überheblichkeit – oder gerade zu eisernem Kampf. Jedenfalls lag so etwas wie Freude über die Einheit der Stadt vorübergehend auf Eis, Eintracht herrschte erst wieder in den Kneipen von Ost und West. Und alle 74 000, die dabei waren, werden es nicht vergessen, so oder so. Nun aber ist wieder Alltag. Die Försterei ruft zum nächsten Spiel. Ob mehr Zuschauer kommen als sonst? Ob „Tusche“, dem sie ein Denkmal setzen müssten, wieder seinen Freistoß durch die Mauer macht? Ach, kommt doch einfach vorbei in der Wuhlheide! Lothar Heinke

Heute, 18 Uhr, 1. FC Union - VfL Osnabrück, Stadion Alte Försterei in Köpenick.

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