Was machen wir heute? : Emotional werden

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Sigrid Kneist

Die Tonlage lässt meine Tochter staunen. Als ich bei unserer Dublin-Reise den beiden ihr fremden Frauen in die Arme falle, klingt meine Stimme mindestens eine halbe Oktave höher: „Great to see you again!“ „You look great“, erwidert die eine in ebensolcher Tonhöhe. „You haven''t changed at all“, sagt die andere und wischt schnell ein Tränchen beiseite. Im Englischen wirken Emotionen vor allem bei Frauen schnell etwas schrill. Charlotte wird Zeugin eines Wiedersehens. Vor einem Vierteljahrhundert habe ich mit Siobhán und ihrer Schwester Úna einen aufregenden, schönen Sommer in den USA erlebt. Das letzte Mal sahen wir uns vor 20 Jahren – bei Siobháns Hochzeit.

Obwohl sich in den vergangenen Jahren der Kontakt auf den Austausch der jährlichen Weihnachtskarten beschränkte, herrscht sofort wieder eine gewohnte Vertrautheit. Männer und Kinder sind selbstverständlich mit eingeschlossen. Wir verbringen eine wunderbare Zeit miteinander. Charlotte ist beeindruckt, wie nach derart langen Jahren noch so etwas wie Freundschaft existieren kann. Für sie klingt es fast wie eine Episode aus dem Kommunikationsmuseum, dass wir uns in den Achtzigern alle paar Wochen lange Briefe schrieben. Ihr ist schon klar, dass es damals kein Internet gab und man nicht einfach miteinander chatten konnte. Aber warum habt ihr nicht telefoniert, fragt sie. War viel zu teuer. Ich hatte als Studentin schon wenig Geld. Siobhán und Úna hatten eigentlich gar keins; Irland war richtig arm, sage ich. Das scheint Charlotte beinahe unvorstellbar, denn das ist wirklich Vergangenheit. Seit mehr als 15 Jahren hat sich die Insel durch einen Boom dank der EU komplett verändert. Nur die irischen Schuluniformen sind eine Konstante. Die Trägerrockkostüme der Töchter sind noch genauso hässlich wie jene, die ihre Mütter trugen.

Sollte es bis zum nächsten Wiedersehen wieder 20 Jahre dauern, werden wir vielleicht von unseren Enkelkindern begleitet. Mal schauen, ob meine Stimme dann noch derart hohe Tonlagen erreichen kann? Sigrid Kneist

Das Porto für einen normalen Brief nach Irland kostet 70 Cent.

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