Was machen wir heute? : Erdgeschichte inhalieren

Stephan Wiehler

Vor den letzten Geheimnissen des Lebens stehen wir Erwachsene ebenso ratlos wie Vierjährige. Vielleicht wirken unsere Versuche, diese Rätsel zu lösen, deshalb oft so kindisch. Aber die Fragen danach bleiben so unausweichlich, wie – sagen wir mal – diese tote Ratte, die wochenlang auf dem Gehsteig neben unserem Haus lag, direkt vor einem italienischen Restaurant (wobei ich darum bitte, aus dem Fundort der Leiche keine voreiligen Schlüsse zu ziehen). Jeden Morgen, wenn ich Emma zur Kita brachte, führte unser Weg an dem Kadaver vorbei, und meine Tochter Emma war nicht davon abzubringen, jedes Mal vor der Tierleiche stehen zu bleiben, um sie ausgiebig in Augenschein zu nehmen. Am Anfang fragte sie mich: „Warum ist die Ratte tot, Papa?“ Großer Gott, was soll man da sagen: Sie ist den Weg alles Irdischen gegangen, oder was? Das versteht doch kein Kind.

Im Laufe der Zeit gingen die sterblichen Überreste der Ratte tatsächlich ihren irdischen Weg, und als nur noch ein bisschen Pelz und Knochen übrig waren, fragte Emma: „Wo ist die Ratte jetzt, Papa?“

Ich fragte mich, warum ich das tote Ding nicht längst auf eine Schippe genommen und zur Mülltonne getragen hatte, um mir weitere Fragen zu ersparen. Dann versuchte ich, ihr wortreich und kindgerecht zu erklären, dass alle Tiere und Pflanzen nach ihrem Tod in den großen Kreislauf des Lebens zurückkehren, damit aus ihnen neue Blumen erblühen, irgend so eine pantheistische Theorie eben, die ein Vater erzählt, um sein Kind nicht allzu sehr zu verunsichern.

Emma schien damit zufrieden, aber mich verfolgten ihre Fragen noch lange. Als ich mich auf dem Fahrrad durch den Berufsverkehr an den Autokolonnen vorbeidrängelte, stieg mir mit den Abgasen die Vision zu Kopf, dass ich in diesem Moment Jahrmillionen von Erdgeschichte inhalierte, die in den Motoren verbrannten. Während ich mich vergiftete, fühlte ich mich mitten im Kreislauf des Lebens – und einem seiner großen Geheimnisse ein Stückchen näher. Stephan Wiehler

Unser Tipp: Fahren Sie Rad!

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