Was machen wir heute? : Erinnern

Wie ein Rentnerdie Stadt erleben kann

PlümperD

Da stehen sie, Baracken, fast so wie 1945. Elf sind noch erhalten, die DDR nutzte sie bis zuletzt. Im Auftrag Albert Speers hat man die eingeschossigen Kästen aufgemauert und in Reih und Glied auf dem Grundstück aufgestellt. Hier wurden in den letzten Kriegsmonaten italienische Militärinternierte und weibliche KZ-Häftlinge gefangen gehalten. Die Bundesvermögensdirektion wollte das Gelände ursprünglich verkaufen, jetzt stehen die Baracken unter Denkmalschutz.

Im Eingangsbereich hängt eine große Karte von Berlin: Rote Flecken, erschreckend zahlreich, markieren die Lager. Die meisten sind um 1944 entstanden, aber schon 1936 gab es die Zwangsunterkunft für die Berliner Sinti. An den Wänden hängen Bilder des Zwangsarbeitereinsatzes des tschechischen Fotografen Zdenek Tmej. Große Schautafeln informieren über das Schicksal der 450 000 Zwangsarbeiter, die in Zwölf-Stunden-Schichten arbeiteten. Vor zehn Jahren ist die erste Sammelklage gegen deutsche Unternehmer eingereicht worden. Es entstand eine Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Zehn Milliarden wurden eingezahlt, um an die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter weitergeleitet zu werden. Der Rentner blättert in Berichten ehemaliger Zwangsarbeiter, ausgelegt von der Stiftung. Eine Frau erzählt, wie der Vater als Partisan erschossen wurde, sie von ihrer Mutter getrennt und zur „Umerziehung“ in eine deutsche Familie gezwungen wurde. Jahre nach dem Krieg fand die Mutter ihre Tochter wieder. Der Rentner wird traurig: Er als Kind, die Blockade 1949, Hunger in West-Berlin, ein Jahr wurde er zu einer fremden Familie nach Bayern „verschickt“. Er erzählt davon sonst immer lustige Geschichten, zum Beispiel, wie er danach nur Bayrisch sprechen konnte. Überstürzt verlässt er die Baracke, rein in den „Spätkauf“. „Einen Kaffee bitte!“ Die Frau gießt ein: „50 Cent“! Plümper

Im Totaleinsatz. Zwangsarbeit der tschechischen Bevölkerung. Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide

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