Kultur : Was machen wir heute?: Erinnern

Bernd Ulrich

Es gibt Momente, wenn man mit seinen kleinen Kindern zusammen ist, wenn sie fröhlich sind, oder wohlig im Elternbett liegen, und erst Recht, wenn man sie im teuren Urlaub an die schönsten Ecken führt, da denkt man: Schade, dass sie das alles vergessen werden.

Nun sind es nicht allein die Kinder, die vergessen, wir tun es auch. Ganz besonders, wenn man mehrere Kinder hat. Wer fing wann an zu laufen, wer wurde wann trocken, wer hat den Schnuller als erster abgelegt? Welches Kind hat noch gleich immer Sniebel statt Zwiebel, welches Abbelabbeludel zu Apfelsaft mit Sprudel gesagt?

Vergessen hatte ich auch, wie man sich ganz am Anfang fühlt, beim ersten Baby. Letztens bei der Geburtstagsfeier eines Kollegen fiel es mir wieder ein. Da kam ein beneidenswert junges Paar auf die Alkohol-Musik-Nikotin-Party mit ihrem schätzungsweise zwei Monate alten Baby. Und ich fragte mich mit einem leichten Anflug von Empörung: Muss das sein? Es muss sein. Denn auch wenn man lange darauf gewartet hat, endlich ein Kind zu kriegen - kaum ist es da, versucht man das frühere Erwachsenenleben gegen die Allgegenwart des Kindes zu verteidigen. Und macht alles so wie immer, nur eben mit diesem hungrigen, nässenden, schreienden Etwas im Schlepptau.

Später merkt man, was das bringt: Stress. Und dann beginnt man, Orte aufzusuchen, die speziell für Kinder geeignet sind. Man tut alles für sie, weil man nur so eine Chance hat, auch etwas Erholung abzukriegen. In diesem Jahr fahren wir beispielsweise in ein Familienhotel in der Nähe des Wolfgangsees(!). Da haben die Zimmer keine Nummer, sondern heißen je nach Größe: Maus, Hund oder Pferd. (Wir wohnen natürlich im Elefanten). Und den ganzen Tag fließt kostenlose Limonade.

Am Wochenende gehen wir schon mal ins Charlottchen. Das ist eine Kneipe mit allerlei Spielgeräten, in der praktisch nur Kinder sind, die um die Wette klettern, und Eltern, die um die Wette rauchen. Das ist übrigens auch so was. Das Rauchen stellt offenbar eine Erwachsenenwelt her, auch wenn die Kinder in der Nähe sind. Man tut so etwas richtig erwachsenenmäßig Böses und fühlt sich dadurch frei. Deswegen rauchen vermutlich so viele Kindergärtnerinnen.

Das Charlottchen hat aber noch eine andere Sensation: das Kindertheater. Normalerweise, da wollen wir nicht lange drum herum heucheln, sind diese Vorführungen unter Eltern nicht besonders beliebt. Es ist ja auch nicht so einfach, Theater zu machen, das Vierjährigen und Vierzigjährigen gleichermaßen gefällt. Meist finden es nur die Vierjährigen gut. Doch beim letzten Mal gab es eine kleine Sensation: Zwei Schauspielerinnen interpretierten das Märchen "Schneewitte". Und zwar ohne Moralmarzipan, dafür mit Witz und dem Werkstoff Papier, der in allen möglichen Varianten verwendet wurde. Die Augen der Kleinen glänzten, die Wangen glühten - und die Väter grinsten. Schade, dass wir das alles bald vergessen haben.

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