Kultur : Was machen wir heute?: Erinnerungen pflegen

Christine Lang

One, two, three, four ... und los. Es lebe Punk Rock! Vier gleiche Lederjacken, vier mob-artige Haarschnitte und Converse Sneakers. Die Ramones sind für einige die wichtigste Band der Welt; sie haben ja nicht nur die am Knie eingerissenen Jeans erfunden, sondern vor allem die bahnbrechenden Drei-Akkorde-Songs. Ihr letztes Konzert hatten die Ramones zwar schon vor fünf Jahren, aber erst mit dem Tod des Sängers Joey Ramone vor einigen Wochen scheint der endgültige Abschied der Band besiegelt zu sein.

Die Drei-Akkorde-Attitüde der Ramones hat im Lauf der Geschichte schon viele Bands dazu gebracht, sich überhaupt erst zu gründen: auch die Pop Tarts, eine Berliner "Girl Group", die schon mit den Beastie Boys auf Tour war. Der Tod von Joey Ramone hat sie dazu veranlasst, im Anschluss an ihr eigenes Konzert morgen in der Volksbühne eine ganz persönliche Gedenk- und Geburtstagsparty zu feiern, denn genau morgen wäre Joey so um die 50 geworden. Die Pop Tarts legen ihre Lieblingsplatten von den Ramones und ihrem musikalischen Umfeld auf: Blondie, The Stooges oder vielleicht auch die New York Dolls, die ganz bestimmt zu den Vorbildern der Ramones gehörten. Dazu gibts allerlei Fan-Devotionalien. Die Girls von den Pop Tarts waren schon als Teenies cool genug, Fans von den Ramones zu sein, und stellen im Roten Salon aus ihrer persönlichen Ramones-Vergangenheit Tagebuch-einträge und Fotos aus, zum Beispiel signierte Jeanshosen.

Wer aber doch mehr im Hier und Jetzt lebt, kann heute in die Kunstfabrik gehen, eine hübsche kleine Halle direkt am Wasser, wo sonst der "leiseste Club der Welt" seine Räume hat. Heute stellen dort To Roccoco Rot ihre neue und vierte Platte "Music is a Hungry Ghost" vor. To Roccoco Rot sind eine international viel beachtete Band aus Berlin mit Verbindung zu Düsseldorf und seit Neustem in Zusammenarbeit mit dem New Yorker DJ und Musiker I-Sound. Ihre Musik ist eine dichte elektronische Klangwelt im Zusammenspiel mit den analogen Instrumenten Schlagzeug und Bass.

Wie es der für die Elektronik zuständige Musiker Robert Lippok kürzlich in einem Spex-Interview beschrieb, handelt es sich bei ihrem Sound um so etwas wie Hörarbeit. Der Zuhörer soll sich als Teil der Band verstehen und die Möglichkeit haben, musikalische Elemente in seinem Kopf weiter zu imaginieren. Ein interessantes und hörenswertes Konzept. Bleibt jedoch zu hoffen, dass man sich die Show nicht auch selbst "imaginieren" muss, wie es so oft bei elektronischen Konzerten der Fall ist. Denn dann würde man ja doch konstatieren müssen, dass heute gilt: Punk is dead.

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