Was machen wir heute? : Es krachen lassen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Till Hein

Eigentlich wollte ich ja Schauspieler werden, dachte ich, während wir abends auf dem Wohnzimmersofa saßen, der Welt meine Emotionen entgegenschreien. Oder Rockstar wie Jimi Hendrix, wild, schrill und laut! „Hörst du das?“, sagte Y. Ich lauschte. „Nö“, sagte ich und nahm einen Schluck Pfefferminztee. „Du musst doch diese Bässe hören!“, sagte Y. Oben hörten sie Musik. „Nervig, nicht wahr?“, sagte Y. „So geht das seit vier Tagen.“ Jetzt nahm auch ich das Gewumme wahr. Sehr nervig, in der Tat. Besonders die Bässe.

„Soll ich mich beschweren gehen?“, fragte Y. Ich murmelte etwas Ausweichendes. „If it’s to loud, you’re to old“, lautet ein alter Rockstar-Spruch, und immerhin habe ich selbst mal in einer Band gespielt. Aber laut waren sie schon, diese Bässe. Und wir hatten den ganzen Tag gearbeitet. Bei dem Krach hier, dachte ich, hätte ich den Abend ja gleich bei mir in Neukölln verbringen können!

Friedliebend wie wir sind, machten wir keinen Stress, sondern einfach selbst Musik an. Jazzmusik. Die Bässe von oben waren trotzdem noch zu hören. „Soll ich hoch?“, fragte ich zaghaft.

Am nächsten Tag rief ich einen alten Freund in Süddeutschland an, ebenfalls mit Rockervergangenheit. Er wolle in eine Doppelhaushälfte ziehen, hatte er bei unserem letzten Treffen erzählt. Ich war irritiert. „Trau keinem in einer Doppelhaushälfte“, lautete einer meiner Grundsätze. „Und, was macht das Hausprojekt?“, fragte ich jetzt. „Wir sind diese Woche eingezogen“, sagte der Freund glücklich. „Ihr müsst uns unbedingt mal besuchen.“ Und bekam Lust, sofort nach Bayern zu reisen und mit ihm auf seiner neuen Terrasse, in ländlicher Ruhe, ein Bier zu trinken. Ganz besonders freue er sich, dass sein neues Holzregal bereits fertig sei, erzählte der Freund begeistert. Für seine riesige Schallplattensammlung. „Rock ’n’ Roll will never die!“, dachte ich.

Donnerstagnacht rocken Subroad aus Berlin im Wild at Heart in Kreuzberg, Wiener Str. 20. www.wildatheartberlin.de/wah.htm

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