Was machen wir heute? : Essen gehen

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Die Welt ist ungerecht. Alle lieben Paul. Und warum? Weil er keine Ahnung von Fußball hat. Das war zumindest die Erklärung des „Entertainment Supervisors“ (wusste gar nicht, dass es so was gibt) bei Sealife in Oberhausen: Paul berühre viele Menschen, „weil Tintenfische absolut nichts von Fußball verstehen“. Tu ich auch nicht, nur halten die Leute mich deswegen eher für schrullig als rührend.

Und was ich esse, dafür interessiert sich auch kein Mensch. Dabei muss ich viel komplexere Entscheidungen treffen als Paul. Neulich bin ich mal mit offenen Augen und leerem Bauch die Goltz- und Akazienstraße entlanggelaufen, die eigentlich eine einzige, ziemlich lange Straße ist, an der eine Art andauernde kulinarische Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Die Schöneberger Meile ist gepflastert mit Cafés und Feinkostläden, Imbissen und Eisdielen, Weinhandlungen und Restaurants, Chocolaterien und Salumerien, ich könnte dort Sushi essen oder Zebrasteak, Tapas oder Schlemmer-Croissants, Toast Hawaii oder Falafel, indisch, vietnamesisch, portugiesisch, ja, sogar jamaikanisch. Im Felsenkeller, der Lieblingskneipe amerikanischer Schriftsteller, könnte ich Würstchen und Kartoffelsalat essen, und am Winterfeldtmarkt gibt’s eine ganz eigene Berliner Kreation, die eher wie eine Drohung denn eine Verlockung klingt: „Gemüse-Chicken-Kebap – Einmal gegessen, nie vergessen!“

Paul, die alte Krake, wäre schon beim Hotdog-Laden ins Schleudern gekommen, da hätte er sich nämlich entscheiden müssen: für einen französischen, dänischen oder vegetarischen Hotdog – oder doch lieber ein Wiener Würstchen?

Und das Erstaunliche ist: Nachdem Subway und Starbucks zugemacht haben, gibt es hier nicht eine einzige große globale Kette mehr. Das frühere Coffeehaus wird gerade renoviert; der neue Besitzer hat in die verdeckten Fenster vielversprechende Sprüche gesetzt: „Kind iss, sonst wirst’ nicht dick“ und, das Ende aller Wahl-Qualen: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.“ Susanne Kippenberger

Ein Besuch in der Goltz- und Akazienstraße lohnt sich immer.

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