Was machen wir heute? : Etwas läuten hören

Wie ein Ost-Berlinerdie Stadt erleben kann

Robert Ide

Ich war noch nicht oft in der Kirche. Früher war das nicht gerade angesagt in meinem Land. Und heute kommt es mir so vor, als sei es mit der Religion so ähnlich wie mit dem Fansein im Fußball: Irgendwann ist es zu spät, an etwas anderes im Leben zu glauben.

An einem Weihnachtstag nahm mich meine Oma einmal mit in die kühlen, hohen Gemäuer unter den Pankower Glockentürmen. Es war die Zeit, in der es mit der DDR sowieso langsam zur Neige zu gehen schien und die Kirchen immer voller wurden. Meine Oma konnte sogar die christlichen Weihnachtslieder mitsingen, von denen ich nichts verstand. Sie gab auch ein wenig Geld für die Erhaltung der kühlen Gemäuer. Sie hatte den Glauben noch. Ich wusste nicht einmal, wie eine Krippe aussah.

Meine Eltern, einstmals geboren in einer gerade ausgerufenen Deutschen Demokratischen Republik, glaubten bis zum Ende dieses Landes an gar nichts. Nur an die Familie und ihren kleinen Schutzraum, den es hartnäckig zu verteidigen und den es in kleinen Schritten zu erweitern galt (gegen den Staat, nicht gegen die Kirche).

Noch heute lebe ich abstinent von der Religion. Für mich sind Kirchen Kulturgüter, die ich in jedem von mir bereisten Ort besuche, um etwas über die Leute dort zu lernen. Und jedes Jahr zieht es mich an einem Adventssonntag in die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg zum Weihnachtsoratorium. Da kann man die Wärme fühlen, die sich in einer Kirche sammeln kann – und ich verschließe mich ihr nicht. Die gesungene Botschaft aber erschließt sich mir nicht.

Heute kommen meine Eltern zum Weihnachtsessen und zur Bescherung bei mir vorbei. Nahezu stündlich werden wir hören, wie auf der anderen Straßenseite die Glocken der Gethsemanekirche gegeneinander schlagen. Ob es uns deshalb in das hohe Gemäuer unter den Türmen zieht? Ich glaube es nicht.

Irgendwie finde ich das auch schade. Robert Ide

Die Gethsemanekirche bietet Weihnachtswärme in der Stargarder Straße.

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