Was machen wir heute? : Fahren ohne Tunnelblick

Robert Ide

Hat jemand ein schwarzes Mountainbike mit schwarz-rotem Sattel gesehen? Ist nur mal so ’ne Frage.

Seit einigen Tagen bin ich vorrangig zu Fuß in der Stadt unterwegs. Da kann man viel entdecken: Erst am Wochenende habe ich mir in Charlottenburg den entzückenden Lietzensee erschlossen – mit seinen ins Wasser hängenden Trauerweiden, unter denen Männer mittleren Alters stehen, die ferngesteuerte Segelboote bedienen, und mit den abschüssigen Wiesen, auf denen Kinder einem Fußball hinterherrennen, der immer nur in eine Richtung rollt. Ich geriet in eine Straße, in der es zwanzig Second-Hand-Möbelläden gibt und in ein Café, in dem man für drei Euro das Magazin „Die Irren-Offensive“ erwerben kann. Unter dieser Welt bin ich sonst achtlos mit der U-Bahn hindurchgerauscht.

Die Berliner U-Bahn mit ihren genervten Tunnelblick-Leuten vermisse ich überhaupt nicht. Mit der S-Bahn kommt man raus, wenn es sein muss, das ist viel wichtiger. Letztens habe ich im Nuthetal einen Feuersalamander gesehen, in Lehnitz entdeckte ich das wohl letzte DDR-Ausflugslokal mit bronzenem Wandrelief, und die Soljanka im Ratskeller Birkenwerder war auch nicht zu verachten. In dieser Woche habe ich mich ein paar Tage in Potsdam eingebucht, für einen Kurzurlaub vom Streik. Potsdam ist angenehm, hier scheint die Sonne, und alle Bahnen fahren. Die Potsdamer scheinen ein ganz anderes Verhältnis zur Mobilität zu haben als die Berliner. In einem Möbelladen gibt es 50 Prozent Rabatt auf „Sofas to go“.

Nach dem Mauerfall war ich wochenlang mit der U-Bahn unterwegs und habe an jeder Station erkundet, wie der Westen so aussieht. Jetzt entdecke ich zu Fuß neue Welten und mit meiner Monatskarte das Umland neu. Eigentlich nicht schlecht, so ein Streik.

Nur mein Fahrrad fehlt mir. Robert Ide

Der Lietzensee liegt zwischen den S-Bahnhöfen Jungfernheide und Charlottenburg; Potsdam liegt direkt am Bahnhof Potsdam.

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