Was machen wir heute? : Fahrkarten kaufen

Sonja Niemann

Neulich kaufte ich am U-Bahnhof Boddinstraße von einer jungen Frau einen gebrauchten, aber angeblich noch funktionstüchtigen Fahrschein für einen Euro. Leider stellte sich im grellen Licht des U-8-Waggons heraus, dass es sich um eine plumpe Fälschung handelte: Der alte Stempel war oberflächlich abgekratzt, ein aktueller drübergedruckt. Ich war empört. Am nächsten Tag bot mir am selben U-Bahnhof ein junger Mann einen gebrauchten, aber noch funktionstüchtigen Fahrschein an. Ich lehnte ab: „Nee, der letzte, den ich gekauft habe, war gefälscht.“

Der junge Mann war empört: „Unsere sind alle in Ordnung! Es gibt jetzt neue Leute aus Rumänien, die versuchen, uns zu verdrängen. Aber die liefern keine gute Qualität.“ Er zeigte mir sein Sortiment an BVG-Karten. „Wir beraten unsere Kunden vernünftig und drehen ihnen keinen Schrott an. Wir möchten, dass Sie zufrieden sind und weiterhin gern unseren Service in Anspruch nehmen. Wo wollen Sie denn hin? Ah, Wuhlheide, ich kann Ihnen da ein gutes Angebot machen.“

Warum findet man solche Verkäufertalente im regulären, steuerpflichtigen Berliner Dienstleistungswesen so selten? Egal, ich werde das hier alles vermissen, auch das Dienstleistungswesen. Und sogar den U-Bahnhof Boddinstraße.

Ich bin bald Ex-Neu-Berlinerin bzw. Nur-noch-Wochenend-Neu-Berlinerin, denn die Arbeit zieht mich nach Hamburg zurück. Hamburg ist total okay: Alster, Elbe, gute Fischbrötchen, Segelclubs, weniger Hunde, mehr Perlenohrstecker. Und natürlich ist der Wegzug aus Berlin trotzdem schrecklich. Was ist schon Hamburg?

Neulich war ich schon mal da. Ich habe ein kleines Zimmer gemietet, das so teuer ist wie meine ganze Neuköllner Wohnung. Dann habe ich am Automaten des Hamburger Verkehrsverbundes einen U-Bahn-Fahrschein gekauft. Zum vollen Preis, ohne jede Beratung. Sonja Niemann

Ziehen Sie nur weg, wenn Sie gute Gründe dafür haben. Berlin ist toll.

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