Was machen wir heute? : Falsch jubeln

Till Hein

Es ist in Berlin immer wieder eine Freude, Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen der Welt zu begegnen. Neulich auf der EM-Final-Party trat ein kräftiger, englischsprachiger Mann an mich heran. Lächelnd drohte er, mich auf den Balkon hinaus zu sperren, falls ich weiter „Espana!“ rufe. Auf diese charmant-ironische Art, bei der man nie genau weiß, ob womöglich die Ironie selbst nur ironisch gemeint ist. „Sicher ein frustrierter Engländer“, dachte ich.

Später stellte sich heraus, dass es sich um einen berühmten Schriftsteller aus Neuseeland handelte. Ich sollte mir die Gesichter der Kulturschaffenden einprägen. Sonst sperre ich bei der nächsten WM aus Versehen noch Salman Rushdie auf den Dachboden, weil er die Schweiz nicht genügend angefeuert hat.

Aber ich bin ja Kummer gewohnt: In jungen Jahren war ich in Basel Fan von Karl-Heinz Rummenigge. Diesen „Schwoob“ zu verehren, war fürs Image ähnlich vorteilhaft, wie auf einem Feministinnenkongress den „Playboy“ zu verteilen.

Seither dachte ich immer, die Deutschen seien total unbeliebt. Insbesondere ihre Fußballnationalmannschaft. Nicht nur in Basel, sondern auf der ganzen Welt. Okay, das „Sommermärchen“ vor zwei Jahren. Aber irgendwie erinnerte die kollektive Sympathie damals verdächtig an das Wohlwollen, das unserer Schweizer „Nati“ gemeinhin entgegengebracht wird: „Rührend, wie die sich bemühen!“

Inzwischen jedoch sind die deutschen Fußballer Stars, mit denen sich immer mehr Menschen identifizieren. Zum Beispiel die ganzen Iren auf der Final-Party. Sobald mal ein Pass ankam, jubelten sie. Die Spanier hingegen verachteten sie: „What a dirty team!“ Einzig eine Weißrussin freute sich mit mir über das 1 : 0 von Torres. In Minsk verstehen die Menschen offensichtlich noch etwas von Fußball. Wir sollten einen Weißrussen als Schweizer Nationaltrainer berufen: Dann steht dem WM-Sieg 2010 nichts mehr im Wege! Till Hein

Am 6. September spielt die Schweiz gegen Israel. www.fussball.ch/fussballwm2010

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